Auf ein Wort - Exklusivinterview mit PHL87

Zu den denkwürdigeren Erlebnissen im Zuge meines Asiatentums war die Begegnung mit Philipp. Es begann alles mit einem Missverständnis.
Ich unterhielt mich mit ihm auf einer Tagung über dies und jenes und wir kamen auf das Thema Asien zu sprechen. Er erzählte mir begeistert, das er diesen Kontinent sehr faszinierend finde, nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen. Er habe sich in Asien verliebt, quasi.


Dass er sich gerade mit einer Asiatin unterhielt, schien er verdrängt zu haben. Ich fragte mich, ob er gerade irgendetwas versuchte (die intellektuell und kulturell akzeptablere Form von "ich steh auf Asi-Frauen").


Direkt wie ich manchmal sein kann, fragte ich nach. In seiner Zerstreuung hatte er wirklich nicht daran gedacht, dass man seine Aussage auch anders verstehen konnte...

Inzwischen ist Philipp ein guter Freund. Sein Studium und persönliches Interesse haben ihn jetzt nach Shanghai verschlagen. Auf seinem Blog kann man über seine Erfahrungen und Beobachtungen im chinesischen Großstadtdschungel lesen. Nicht nur die Blog-Einträge sind aufschlussreich und informativ, ich mag auch den lakonischen Humor. Der Blog wird regelmäßig aktualisiert und ein weiteres Plus: viele Fotos!

Naekubi: Willkommen auf dem Bananen-Blog. Wie gefällt es dir hier so?

PHL87: Ich mag den Blog. Ich lebe seit zwei Monaten in Shanghai und erlebe das Wechselspiel Asien-Europa bzw. Westen in teils spiegelverkehrter Richtung, so dass viele Inhalte des Blogs mich hier zum Nachdenken bringen, wo zwischen beiden Kulturen Grenzen verlaufen und Gemeinsamkeiten liegen. Leider ist blogspot in China gesperrt und ich komme nur mit Tricks auf die Seite.

Naekubi: Ja, die Spiegelverkehrtheit unserer Sichtweisen empfand ich auch als sehr spannend, Bananenproblematik umgekehrt quasi. Und es freut mich, dass du dich am Rande der Illegalität bewegst um meinen Blog zu lesen.

PHL87: Hier ist alles Leben Grauzone und man muss sich nur innerhalb der fließenden Grenzen zwischen Legal und Illegal einpendeln, um die eigene Freiheit dazwischen ausleben zu können. Innere Verfassung und äußere Fassade sind immer Teil der Lebensrealität hier und manchmal lohnt sich das geringe Risiko, zum Beispiel hier.

Naekubi: Zum Thema Lebensrealität. In der Mai-Ausgabe der Glamour wurde über Shanghai und den Alltag berichtet (s. Bilder). Darin stand, dass die Menschen gerne auch draußen Pyjamas tragen. Weil es so bequem ist. Du lebst lange genug in Shanghai um etwas zum chinesischen Alltag zu sagen. Hast du inzwischen schon Menschen im Bärchenschlafanzug auf der Straße gesehen?

PHL87: Das gibt es definitiv. Zusammen mit dem Spucken ist es eine der Verhaltensweisen, welche die chinesische Regierung den Menschen abgewöhnen möchte. Aber es bleibt als Phänomen bestehen. Vor allem beim Einkaufen sieht man Menschen im Schlafanzug, meist ältere Damen. Rosa und weiß sind die beliebtesten Farben. Das Verhalten kommt daher, weil man die teure Alltagskleidung für so banale Tätigkeiten nicht schmutzig machen möchte.

Naekubi: Das erinnert mich an meine Verwandtschaft in Japan. Sobald man zu Hause war, hieß es: 'Raus aus den Jeans, rein in den Pyjama.' Ich kann ja glatt froh sein, dass sie die Komfortzone nicht bis zum Shopping ausgedehnt haben.

PHL87: Es gehört zu diesen Sachen, die man als Westler nie so ganz verstehen wird, aber die trotzdem in einer so auf Konformität bedachten Gesellschaft in besonderem Maße sympathisch wirken.

Naekubi: Bevor du nach China gingst, warst du von asiatischer Kultur und Asiaten allgemein recht angetan. Hat sich das inzwischen eher gelegt oder vertieft?

PHL87: Beides. Gelegt insofern, als dass ich natürlich im Rahmen des Alltagslebens mit allen Aspekten des Lebens hier in Berührung komme, z.B. den Auswirkungen des Bildungssystems. Vertieft insofern, als dass ich eine große Bewunderung für die Standhaftigkeit der Menschen hier empfinde und die große kulturelle Leistung der Vergangenheit noch mehr respektiere. Es ist immer ein Wechselspiel zwischen Anziehung und Distanz, aber mein Blick auf Asien ist vielschichtiger geworden, weniger idealisierend als vor meiner Reise.

Naekubi: Wie kommst du sprachlich im Alltag zurecht? Reicht dein Mandarin? Wie gestaltest du die Kommunikation und gibt es, abgesehen von der Sprache, andere Kommunikationsprobleme?

PHL87: Die Sprache ist ein Problem und der Hauptgrund, warum es so schwer ist, sich hier einzuleben. Mein Mandarin reicht für den Alltag, aber die Vielzahl an Dialekten und Aussprachen macht es sehr schwierig und ich komme sehr oft an meine Grenzen. Englisch wird nur von wenigen gesprochen. Aber trotzdem kann ich hier praktisch alles auf Chinesisch erledigen, sofern ich mich vorbereiten kann. Andere Kommunikationsprobleme gibt es definitiv. Die chinesische Kommunikation ist viel indirekter und formalisierter, so dass ich oft als sehr selbstbewusst und offensiv empfunden werde. Ohne es gewollt zu haben.

Naekubi: Deutsche gelten ja nicht nur in China, sondern auch in vielen anderen Ländern als auf mehr oder weniger verletzende Weise direkt. Selbst in Europa kann man damit anecken...

PHL87: Das ist richtig. Ich merke es an mir selbst. Es ist diese Macher-Mentalität, dieses "Getting things done", was viele Deutsche verkörpern. Ich merkte hier in China sehr stark, wie schwierig es  für mich selbst war, diese Verhaltensweisen abzustellen. Mittlerweile habe ich viel von der gesichtswahrenden Mentalität hier pragmatisch übernommen. Aber manche Westler sehen diese asiatische Indirektheit als Schwäche und reagieren darauf sehr allergisch.

Naekubi: Du hast ja nicht nur jetzt viel mit Asiaten zu tun, sondern auch vorher schon, bedingt durch Studium, Arbeit (?) und meine Bekanntschaft. Das bietet doch sicherlich viele interessante Vergleichsmöglichkeiten zwischen den Bananen und, äh, ich sag mal 'echten' Asiaten...?

PHL87: Das Thema beschäftigt mich viel. Es gibt denke ich 2 Punkte, in denen sich Bananen und "echte" Asiaten unterscheiden. Erstens ist es der Umgang mit der eigenen Identität. Während für die "Natives" hier die eigene Kultur und das eigene Land eins sehr starker Bezugspunkt ist, definieren sich die "halben" Asiatinnen (ich kenne nur Frauen) stärker durch ihre eigene Individualität und ihre Persönlichkeit. Sie sind in Fragen der kulturellen Identität sehr reflektiert und sensibel. Vielleicht auch verletzbarer, weil man immer Angriffspunkte bietet, wenn man nicht konformer Teil der Masse ist. Zweitens sind "Halb"-Asiatinnen meiner Erfahrung nach unabhängiger. Familie ist schon wichtig, aber das Gefühl von Autonomie, eigener Zukunftsgestaltung und Selbstverwirklichung spielt eine bedeutendere Rolle, aber immer hinterfragt und überdacht. Es bedeutet meines Empfindens mehr Verantwortung, beiden Kulturen irgendwie anzugehören, und den eigenen Pfad dazwischen zu bestimmen und darin seinen Weg zu gehen, nimmt manchmal die Leichtigkeit. Klingt philosophisch, aber ich habe großen Respekt vor dieser Aufgabe.

Naekubi: Es ist auf jeden Fall wesentlich schwieriger, wenn man nicht so gut auf eine vorgefertigte Schablone zurückgreifen kann. Es gibt daher auch keine Patentrezepte, wie man mit Familie, Sprache, Kultur usw. umgeht. Letztendlich wird man sehr stark vom äußeren Umfeld geprägt.
Eine typische Frage: Vermisst du derzeit etwas? Viele Deutsche sagen dann ja: Gutes Brot. Du auch?

PHL87: Nein. Ich habe einen exquisiten französischen Bäcker und Konditor direkt in der Nachbarschaft. Es gibt übrigens auch einen deutschen Bäcker hier ("Abendbrot"). Insofern fehlt es hier in Shanghai an nichts. Was ich vermisse, ist neben ein paar wichtigen Menschen vor allem Raum und Ruhe. Beides ist in einer so engen Metropole nur schwer zu kriegen.

Naekubi: Letzte Frage: Bekommt Tiko auch genügend Ausgang?
Philipps Freund Tiko
PHL87: Ach ja, mein Biberhase. Kennst Du die Vorlage? Ist von einem Miyazaki-Film, "Mein Nachbar Totoro". Ich habe diese Filme immer sehr gemocht.

Naekubi: Totoro kenne ich natürlich. Mein Lieblingsfilm ist allerdings 'Das wandelnde Schloss'.

PHL87: Vielleicht bin ich in Teilen eine umgedrehte Banane. Kann man von Tiko nicht behaupten, der ist immer noch weißgrau wie eh und je. Er lässt ausrichten, dass es ihm soweit gut geht. Er hasst Aufzug fahren und hat sich jetzt einen Flugdrachen gekauft, mit dem er immer durchs Fenster nach unten fliegt. Bisher ohne Unfälle. Insofern kann ich nur sagen: Alles bestens. Vielen Dank für das Interview und alles Gute für Deinen tollen Blog weiterhin.

Naekubi: Dankeschön auch an dich!

Falls ihr also mehr über Shanghai und das Leben als Westler dort lesen möchtet, kann ich euch nur ans Herz legen, Philipps Blog mal zu besuchen.

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