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Naekubi auf Tinder Part 1: Warum ich keine asiatischen Menschen date(te)
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| Will you go for a date? by nattu, CC |
Eigentlich hatte ich vor, über Tinder aus Sicht einer Asiatisch-Deutschen zu berichten und von meinen Dating-Erfahrungen zu sprechen. Tinder im Selbstversuch also. Es gibt schließlich unzählige Selbstversuchbücher, von 30 Tage Couchsurfing über ein Jahr lang nur ein Kleid tragen bis hin zu nichts mehr aus Plastik benutzen. Warum also nicht Tinder unter die asiatisch-deutsche Lupe nehmen? Aber hier geht es um mehr als nur um neue Technologien - sondern um die Bestimmung meines Ichs in einem Koordinatensystem, in dem ich irgendwo am Rand verortet bin.
Tinder als Einstieg ins Online-Dating
Tinder ist diese ominöse Dating-App, wo man allein aufgrund äußerlicher Merkmale und einer sparsamen Selbstbeschreibung Menschen kennen lernen kann. Vom Facebook-Profil werden Vorname, Alter, Profilfotos und Interessen gezogen. Anhand der Ortsbestimmung gibt die App an, welche potenziellen PartnerInnen im gewünschten Alter und der angegebenen Entfernung erreichbar sind. Mal von dem datenschutzrechtlichen abgesehen, ist die App vor allem für schnelle sexuelle Kontakte gedacht, neudeutsch "casual dating". Viele verwenden es so (wogegen nichts zu sagen ist). Aber mehr und mehr Menschen verwenden Tinder, um ernsthafte Beziehungen zu suchen.Die App ist der sanfte Einstieg in die forcierte Partnersuche: Im Gegensatz zu ernsthaften Datingportalen gibt sich Tinder locker-flockig, die App umweht der Flair des Lässigen, Unverbindlichen, und ermöglicht mit seiner niedrigen Einstiegsschwelle den perfekten Start ins Dating selbst für hochseriöse Menschen. Anders als bei Parship und Co. muss ich mich nicht mit Profilseiten aufhalten, in denen ich Lebensmotto und am besten meine Lieblingshandseife angeben soll. Stattdessen wird es UserInnen überlassen, mit Bildern und im Chat von sich zu überzeugen. Verpflichtungen und Verbindlichkeiten halten sich so in Grenzen.
The Laws of Attraction
So sah ich es jedenfalls, als ich die App herunterlud und mein Profil anlegte. Im September meldete mich an, mit einer Mischung aus Skepsis und Neugierde. Schon im Voraus hatte ich mir eine Vorgabe gesetzt: Keine Ethnie wird bevorzugt oder ignoriert. Ob schwarz, gelb oder weiß: Hauptsache irgendwie interessant. Denn ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich trotz meiner Einstellung für mehr Vielfalt und gegen Rassismus bisher nur mit Westlern Beziehungen hatte. Zudem stellte ich fest, dass ich tendenziell europäische Gesichter bevorzugte, was ich sofort dumm und engstirnig fand.Das passierte unweigerlich, weil ich weißen Menschen sehr viel häufiger begegnete als alle anderen Ethnien zusammengenommen. Nicht, dass ich andere offen abgelehnt hätte - es waren einfach sehr wenige. Dazu war so gut wie nie jemand dabei, den ich attraktiv gefunden hätte. Lag das daran, dass sie anders als der weiße Durchschnitt aussahen oder weil wir wirklich auf Persönlichkeitsebene nicht kompatibel waren? Sowohl das eine wie auch das andere hielt ich für möglich. Denn es gibt kaum etwas politisch Inkorrekteres als unsere Partnersuche und empfundene Attraktivität. Ein gutes Erklärvideo bietet Dr. Doe von Sexplanations:
Wir alle haben ein bevorzugtes "Field of Eligibles", also ein Spektrum von Menschen, die für uns als PartnerIn infrage kommen. Welches Alter, welches Geschlecht und auch welche Ethnie gehören als Faktoren dazu. In meinem Field of Eligibles kamen nie Menschen mit asiatischer Herkunft vor. Ich lehnte es sogar offen ab, mich auch nur mit jemandem meiner eigenen Ethnie zu treffen. Seltsam? Paradox? Vielleicht auf den ersten Blick.
Der Wurm unter der Lupe
Auf den zweiten Blick zeigt sich ein unübersichtliches Feld von Abgrenzung, Verdrängung und erlerntem Rassismus. Ich weiß nicht, wann ich es in meinem Leben spürte, es muss früh gewesen sein: Ich bemerkte, dass es zwischen mir und den anderen Menschen um mich herum einen Unterschied gab. Diese Menschen mussten bestimmte Fragen nicht beantworten; die wurden nicht ständig gefragt, woher sie kommen oder was für eine Sprache sie zuhause sprachen. Diese Menschen zeigten mir damit, dass ich anders war. Asiatisch eben.Mit dem Anders-Sein hatte ich immer Probleme. War es zu viel verlangt, genauso behandelt zu werden wie die anderen und nicht wie ein Sonderling? Nicht betrachtet werden wie ein interessantes Studienobjekt, ein Wurm unter der Lupe? Ich hasste die Blicke, die Fragen, das zugeschriebene Fremdheitsgefühl, das mein Aussehen auslöste. In einem schleichenden Prozess begann ich, mein Aussehen abzulehnen. Schließlich war es der Grund, warum ich so anders behandelt wurde. Ich konnte noch so perfekt deutsch sprechen, noch so gut und fleißig in der Schule sein - ich würde immer die Andere bleiben, weil meine Haare ein bisschen dunkler und glatter, meine Augen mandelförmiger und meine Nase flacher waren als beim Durchschnitt. Ich hasste mein Aussehen. Ich schämte mich dafür.
Ich schob dieses Gefühl weg, so gut es ging, doch es holte mich immer wieder ein. Wenn ich einen Korb bekam (was in den awkward teenage years ja häufig vorkommt), dann führte ich es auf mein fremdes Aussehen zurück. Klar, wie konnte ich mir auch einbilden, dass jemand mich attraktiv finden könnte? Ich sah schließlich anders, fremd aus. In meinem Kopf hatte ich ein Bild von mir, das eher Frankensteins Monster als einem Menschen glich. Dann ging der Kreislauf von Selbsthass und Ratlosigkeit wieder los. Dieses Asiatische - ich wünschte es mir weit weg. Ich tat mein Möglichstes, um es von meiner Identität abzuhacken. Ich dissoziierte und verdrängte es ins Schattenreich meines Selbst, wo es lebte und mich heimsuchte, wann immer ich versuchte es zu ignorieren.
Super-Assimiliert und voller Vorurteile
Ich wollte beweisen, dass ich hierher gehörte. Dass ich zu 100% committed war, deutsch zu sein. Vietnamesisch, Asiatisch war out. Möglichst deutsch sein war gut und richtig, weil nur das zählte. Das betraf nicht nur mich, sondern auch mein Beziehungsleben: Klar, äußerlich würde ich nie ein Teil dieser Gesellschaft sein, doch einen weißen Freund zu haben bedeutete, Integrationswillen zu zeigen und nach oben zu daten, denn Menschen weißer Haut schienen besser zu sein als der kümmerliche Rest. Zumindest war es normaler. Seht her, wie assimiliert ich bin! Ich esse Knödel mit Bratensoße, ich habe einen deutschen Freund! Akzeptiert mich! Anders als andere VietnamesInnen mischte ich mich unter die Normalbevölkerung. Meine Einstellung war gut, denn ich trug nicht zur Ghettoisierung vietnamesischstämmiger Menschen bei. Nein, ich mischte mich unters Volk. Unters deutsche, weiße, gewöhnliche Volk.Außerdem hatte ich aus der Beobachtung von Männern in meiner Verwandtschaft Folgendes gelernt: Asiatische Männer sind (anders als das Klischee im Westen behauptet) gottverdammte Machos und Patriarchen. Sie sind laut, spielen sich in den Vordergrund, wollen alles bestimmen, während die Frauen im Hintegrund bleiben und im Leben wenig zu lachen haben. Mein Vater und meine Brüder waren da anders, aber die waren auch Ausnahmen. (Mutter sagte mal, sie habe meinen Vater geheiratet, weil der nicht viel redete.) Als Feministin sage ich da: Nein danke. Mein selbstbestimmtes Leben wollte ich mir nicht nehmen lassen. Westliche Männer, so meine Überlegung, waren zwar ebenfalls nicht immer Feministen, aber bei ihnen schien mir die Chance höher, dass sie Frauen mit eigenem Willen zu schätzen wüssten. Dass ich hier rein über Vorurteile argumentierte, fiel mir nicht auf.
Kultur und ihr Einfluss auf Attraktivität
Dr. Doe erwähnt es im Video: Die Kultur beeinflusst, wen wir attraktiv finden. Und in dieser Kultur werden bestimmte Menschen nicht als attraktiv gelesen. Dazu gehören gerade asiatische Männer. Nicht nur, dass es nicht allzu viele in Deutschland gibt. Nie sah ich in Medien, wie solche Menschen in Beziehungen aussehen - als Leading Man, versteht sich. Asiatische Männer wurden nie als attraktiv gezeigt, sondern waren entweder Sidekick oder Plot Device. Sie waren keine Helden, sondern Fußnoten. Prädikat: unattraktiv und uninteressant. Was die westliche Kultur von Asiatinnen denkt, ist hinlänglich bekannt.Letztendlich wollen wir PartnerInnen, die auf einem ähnlichen Attraktivitätslevel wie wir selbst sind. Es tut weh, das zu sagen, aber asiatische Männer empfand ich nie als ähnlich begehrenswert wie den weißen Durchschnitt. Ich lehnte nicht ohne Grund mein Asiatischsein ab, also konnte ich das Asiatische an anderen nicht wertschätzen oder tolerieren. Uns stört das an anderen, was wir an uns selbst nicht akzeptieren können.
Als ernsthafte Person nahm ich auch so etwas Banales wie Tinder ernst: Ich musste mir dazu meinen eigenen Rassismus und meine Voreingenommenheit eingestehen und mir bewusst eine vorbeugende Regel für das Dating setzen: Auch bei asiatischen Männern sollte (und würde!) ich nach rechts wischen, also Interesse anzeigen. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie das gehen sollte, da ich noch nie einen für mich attraktiven Asiaten getroffen hatte, aber die Möglichkeit wollte ich nicht von vornherein ausschließen. Was würde ich mit so einem tun? Konnte ich einen Asiaten überhaupt grundsätzlich attraktiv finden? Daran wollte ich denken, wenn es denn so weit kommen sollte.
Fortsetzung folgt...
Yumyum: Wie ich auf dem Schulhof dealte
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| Ramen, Bild von flickr edkohler, CC 2.0 |
Die großartige Shehadistan teilte auf Facebook folgende Schlagzeile: Kinder essen Tütensuppe wie Chips. Der Artikel von 2011 berichtet von dem Trend, dass Kinder die asiatischen Tütensuppen, auch als Ramen und unter VietnamesInnen als Mi Goi bekannt, einfach trocken aus der Verpackung knabbern. Dazu sage ich: Ach was, neuer Trend. Das gibt es schon seit ewig. Woher ich das weiß? Weil ich den Trend mitbegründete, zwar im lokalen Rahmen beschränkt, aber immerhin. Damals in der Grundschule, in der zweiten Klasse, also vor (hust) zwanzig Jahren, vertickte ich das Zeug auf dem Schulhof unter der Hand. Es war ein florierendes Business, bis ich aufgrund eines "Vorfalls" aus dem Geschäft für immer ausstieg.
Das organisierte Tütensuppen-Dealen fing damit an, dass meine Mutter im Krankenhaus lag und mein Vater für unsere Schulverpflegung sorgen musste. Der Einfachkeit halber (und weil er überfordert war) gab er meinem älteren Bruder und mir je eines dieser Suppenpäckchen mit dem Namen "Yumyum" mit. Auf dem Schulhof waren wir damit die Stars - so etwas hatten die anderen noch nie zuvor gesehen: Ein knallbuntes, eckiges Päckchen, darin ein quadratisches Bündel an rotgoldenen Lockennudeln. Damals gab es diese Salz- und Glutamatbombe noch nicht allgemein im Supermarkt um die Ecke zu kaufen, was die Sache umso interessanter machte. Nachdem die InteressentInnen probieren durften, wollten sie: mehr. MEHR. MEHR!!!
Mutter, wieder genesen und zu Hause, hörte davon und erkannte sogleich das Potenzial dieser Nachfrage. Ihr Geschäftssinn sah sofort einen Markt für Yumyum. Also ließ sie uns bei den KlassenkameradInnen nachfragen, wer gerne Tütchensuppe haben wollte. Schnell hatten wir ein Dutzend Bestellungen zusammen und wir schleppten von nun an die Nudeln in unseren Schultaschen mit, um sie dann während der großen Pause zu verticken. Die Gewinnmarge war prächtig: Zu Hoch-Zeiten verkauften wir jedes Päckchen für eine Mark, für FreundInnen des Hauses gab es die Päckchen auch mal für 50 oder 70 Pfennig.
Da wir die einzigen AsiatInnen mit Zugang zum Yumyum-Markt hatten (einen Asia-Markt gab es nicht), besaßen wir das äußerst bequeme Monopol. Mutter zog als Mastermind im Hintergrund die Fäden und versorgte uns mit dem notwendigen Stoff. Unter den SchülerInnen sprach sich herum, dass ein neues und aufregendes Zeug zu haben war: salzig, knusprig, verdammt ungesund. Sehr bereitwillig gaben sie uns dafür ihr Taschengeld, andere bezahlten uns in Naturalien: Zwei Räuber-Hotzenplotz-Kassetten gegen vier Päckchen Yumyum war ein prächtiges Tauschgeschäft.
Wie das so ist mit illegal besorgtem Stoff: Das Zeug birgt Gefahren. Nicht nur, dass dieses Zeug ein Fertigprodukt der fiesesten Sorte mit extra viel Kohlenhydraten, Fett, Salz und Geschmacksverstärkern war: Neben den Nudeln und der Suppenbrühe in Pulverform befand sich darin noch ein winziges Tütchen Chilipulver, das für deutsche Kindermägen absolut nicht geeignet war. Wir schärften (haha) unseren KundInnen deshalb ein, dieses Beutelchen auf keinen Fall zu konsumieren.
Nun gibt es immer Leute, die keinerlei Respekt vor Warnhinweisen haben, und so passierte es, dass eines Tages jemand als Mutprobe oder einfach aus Dummheit sich das Chilitütchen in den Rachen schüttete. Weder ich noch mein Bruder hatten an ihn verkauft, also musste ihm jemand als Zwischenhändler Zugang dazu verschafft haben. Nach der großen Pause an jenem besagten Tag klopfte es an der Klassenzimmertür. Meine Klassleiterin machte auf, dahinter stand eine besorgte Lehrerin und ein sehr blasser Junge, der sich vor Schmerzen den Bauch hielt. Sie erklärte meiner Lehrerin, dass der Junge etwas Falsches gegessen und sich während der Deutschstunde ins Waschbecken übergeben hatte. (Man erzählte mir später, dass der gesamte Klassenraum danach gestunken hätte). Der Junge und seine MitschülerInnen nannten mich schnell als Quelle für das Malheur.
Meiner Lehrerin war ich bisher allenfalls als brave, ruhige und fleißige Schülerin aufgefallen, weshalb sie mich ungläubig mit großen kugelrunden Augen anschaute. Was das denn gewesen sei? Noch ehe ich antworten konnte, erklärten meine MitschülerInnen sehr schnell und bereitwillig, dass ich auf dem Schulhof Yumyum verkaufte, eine trockene Tütensuppe zum Knabbern. So schnell wurde ich noch nie verraten, danke. Die großen Augen meiner Lehrerin wurden noch größer.
Meine Verteidigung fiel schwach aus: Ich gab den Handel zu, erklärte aber auch, dass ich den Leuten immer sagte, nicht das Chilipulver zu essen, und dass ich somit keine Schuld an der Malaise des Schülers hatte. Der Erkrankte wurde nach Hause geschickt, ich blieb von den Behörden unbehelligt, damit war die Sache gegessen (haha). Die Geschichte verbreitete sich schnell als Folklore in der Schule, was uns noch einmal mehr Nachfrage von der Mutprobenfraktion bescherte. Doch genug war genug: Hier und da eine schnelle Mark zu machen, war das eine, aber ich musste die Grenze ziehen, wo Menschen verletzt wurden. Bald darauf erklärten mein Bruder und ich unserer Mutter unseren sofortigen Ausstieg aus dem Yumyum-Business.
Da meine Mutter immer noch meine Mutter war und nicht ein Mafiamob-Boss, nickte sie nur. Insgeheim glaube ich aber doch, ein gewisses Bedauern bei ihr zu bemerken. Schließlich wollte sie immer, dass wir geschäftstüchtige Menschen würden. Aber ich bin eher nicht die Sales-Persönlichkeit.
Damit endete meine Karriere als Dealerin auf dem Schulhof. Ich habe seither nie wieder mit Yumyum gehandelt und bin wieder ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft.
Sailor Moon oder: Japanische Popkultur und ihre Implikationen auf asiatisch-deutsche Identität
"Hey, die erste Folge von Sailormoon ist raus."
Mein Schwesterherz meldete sich über Skype. Sailormoon - war das nicht diese japanische Zeichentrickserie, wo Teenager-Mädchen gegen das Böse (TM) kämpften?
"Die haben jetzt eine Neuauflage gemacht, nennt sich "Sailor Moon Crystal". Der Anime soll jetzt näher an der Mangavorlage sein."
Ich erinnerte mich natürlich an Sailor Moon. Die Serie kam 1998 nach Deutschland, da war ich um die zwölf Jahre alt. Sailor Moon war anders als das, was ich bisher an Unterhaltung für Kinder gesehen hatte. Sicher gab es schon vorher japanische Animation im deutschen Fernsehen, wie die Biene Maja oder Heidi (Leute, Heidi wird für mich immer schwarzhaarig bleiben), aber im Gegensatz zu diesen zahmen ZDF-Koproduktionen war Sailormoon vor allem eins: ein veritabler Kulturschock.
Sailor Moon war eben nicht an den öffentlich-rechtlichen, bisweilen biederen Geschmack deutschen Fernsehens angepasst. Nein, Sailor Moon war laut, bunt, überdreht, überzeichnet. Das Gefühl des Befremdetseins hat sich bei mir eingebrannt: Warum rissen die Figuren die Münder und Augen so extrem auf? Warum war die Protagonistin so dermaßen ungeschickt? Und was sollte eigentlich ständig dieser Tropfen am Hinterkopf?
Irgendwann gewöhnte ich mich an den Stil von Anime. Ich lernte, dass die übertriebene Mimik und Gestik vor allem komisch und witzig wirken sollten, dass Bunny/Usagi Tsukino (die Hauptfigur) einfach, nun ja, eine Überzeichnung eines (unter)durchschnittlichen Schulmädchens sein sollte und dass der Tropfen am Hinterkopf eine peinliche Situation oder Verlegenheit oder Fremdscham darstellte.
Sailor Moon war der Beginn einer neueren Welle, die die gesamten Nuller-Jahre über anhielt: die Japan-Begeisterung gerade bei jungen Mädchen. Im Rückblick betrachtet war die Sache ganz groß. Denn zum ersten Mal kam etwas aus Asien, das viele irgendwie cool fanden. Zum anderen war es eine Superheldin, die für Mädchen gemacht war.
Bis dahin kannte ich aus Asien vor allem Kung-Fu-Filme, Paris by Night-Videos (eine Art vietnamesisch-amerikanische Revue mit viel Gesang, in vietnamesischen Haushalten sind sie Standardausstattung) und Kriegsabbildungen von toten, sterbenden und/oder verhungerten Menschen. Nicht viel, mit dem ich mich identifizieren konnte oder wollte. Kung-Fu-Filme waren zwar spannend, aber meist auch Filme über Männer, Paris by Night fand ich immer zum Fremdschämen und Krieg - wer will sich selbst schon mit einer Opferrolle identifizieren.
Anime und Manga aber - das war etwas anderes. Es war Popkultur aus Asien. Es war neu. Und es galt als cool. Wenn man so wenig hat, mit dem man sich identifizieren kann oder möchte, dann nimmt man auch japanische Popkultur als Hilfsmittel zur Identitätsfindung. Es war mir vielleicht damals nicht so bewusst, aber im Nachhinein betrachtet war japanische Popkultur ein Mittel, meine eigene asiatische Identität zu kultivieren und zu zelebrieren.
Sailor Moon war einer der vielen "Magical Girl"-Mangas/Animes, in den 90ern und Nuller Jahren ein Revival erlebten, nachdem sie schon seit den frühen Anfängen des japanischen Comics Mitte des 20. Jh. ein wichtiges Genre darstellten. Ich persönlich ritt nie so fanatisch auf der Manga-/Anime-Welle mit wie beispielsweise Schwesterherz, aber es gehörte zum Unterhaltungsprogramm dazu. Noch heute verbinde ich japanische Pop-/Rockmusik mit meinen Teenagerjahren.
Sailor Moon Crystal - die Neuauflage
Da die heutige Popkultur quasi nur aus Referenzen an Kindheitserinnerungen aufgebaut ist (Transformers war vormals Kinderspielzeug, für die eine Zeichentrickserie entwickelt wurde, die dann in ein Milliarden-Kino-Franchise verwandelt wurde, s. auch: Superheldenfilme, Remakes von Remakes von Remakes, Sequels von Sequels von Sequels), war es nur eine Frage der Zeit, dass auch der Klassiker Sailor Moon neu aufgelegt werden würde. Schon der Neuschnitt von Dragonball war ein großer Erfolg, warum also die Kuh nicht zweimal melken?Aus Recherchezwecken habe ich mir also die erste Folge von Sailor Moon Crystal angesehen. Meine erste Erkenntnis: Man kann nicht zurück. Sailor Moon ist für Menschen, die fünfzehn bis zwanzig Jahre jünger sind als ich sicherlich noch unterhaltsam. Die Erzählgeschwindigkeit ist rasant, es ist laut und bunt, es gibt ausreichend Slapstick und der Plot ist so simpel gehalten, dass man ihm gut folgen kann.
Was mich immens gestört hat, war der Animationsstil: Der Zeichenstil ist einerseits altmodisch, weil er sich sehr eng, vielleicht zu eng, an die Vorlage hält. Dieses Traditionelle merkt man Sailor Moon Crystal deutlich an - von der Augenform zur Nase zu den Glanzlichtern auf den Haaren hin zum Intro (ich sag nur: J-Rock, Windmaschine und sehnsuchtsvolle Blicke in die Ferne). Der sehr "blumige" Stil erinnert mich stark an Anime aus den Siebzigern, etwa Die Rosen von Versaille/Berusaiyu no bara. Persönlich hätte mir eine stärkere Modernisierung besser gefallen.
Gleichzeitig wurde aus Kostengründen aber auf Animation im Computer gesetzt, anstatt von Hand auf Folien zu zeichnen. Dadurch wirkt die Animation irgendwie zu glatt und billig. Und dass die Verwandlungsszenen in einer Art 3D animiert sind, halte ich für einen unschönen stilistischen Bruch.
Ich bleibe vorerst bei Mushishi, Community und Youtube als Unterhaltungsprogramm...
Presseschau 16. Juni: Prom, Indie, Kondome und Sex
Wow, ich habe alle wichtigen Keywords im Titel untergebracht! *clickbait* Ich habe einige lesenswerte Storys in den Weiten des Netzes ausgegraben - euch allen einen schönen Wochenstart!
http://yareview.net/2014/06/asian-cinderella/
Diese Umgebung war "hip". Menschen mit Gitarren auf dem Rücken, internationales Publikum, Menschen auf dem Fahrrad - nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Lifestyle-Gründen heraus - bevölkerten die Straßen. Aus diesem Grund verwundert es mich nicht, dass in China eine lebendige, sehr junge Indie-Musikszene existiert. Im Interview erzählt Musiker Hua Dong mehr:
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/587074/In-China-lieben-sie-Indie
http://www.irinnews.org/report/100190/vietnam-s-counterfeit-condom-crisis
via @gedankenreiter
http://www.zeit.de/2014/24/japan-jugend-sex
Asiatisches Aschenputtel in Kanada
In Nordamerika ist das "Prom-Business" ganz groß - die Erwartungen und Sehnsüchte der Backfischjahre (ich wollte dieses Wort schon immer mal verwenden) kondensieren sich an diesem scheinbar magischen Abend des traditionellen Abschlussballs. Diese Kurzgeschichte von Linda M.C. Nguyen widmet sich den Versprechungen (und Enttäuschungen) des Prom aus vietnamesisch-kanadischer Perspektive.http://yareview.net/2014/06/asian-cinderella/
Indie-Musik in China
Als ich vor einigen Jahren in Beijing im Urlaub war, befand sich unser Hotel in der Nähe der sogenannten Hutongs - einem traditionellen Wohngebiet mit vielen kleinen budenähnlichen Häusern. In der Umgebung gab es zahlreiche kleine Clubs und Cafés, etwa ein Café mit deutschem Frühstück, das ich nur deshalb besucht habe, weil meine Begleitungen Expats waren und sich nach Semmeln und Brezeln sehnten.Diese Umgebung war "hip". Menschen mit Gitarren auf dem Rücken, internationales Publikum, Menschen auf dem Fahrrad - nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Lifestyle-Gründen heraus - bevölkerten die Straßen. Aus diesem Grund verwundert es mich nicht, dass in China eine lebendige, sehr junge Indie-Musikszene existiert. Im Interview erzählt Musiker Hua Dong mehr:
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/587074/In-China-lieben-sie-Indie
Fake Kondome in Vietnam
Laut einem neuen Bericht sind fast die Hälfte aller Kondome, die auf dem freien Markt verkauft werden, von so schlechter Qualität, dass sie ein Gesundheitsrisiko darstellen. Viele dieser Kondome sind Plagiate und werden unter dem Namen namhafter Hersteller wie etwa Durex vertrieben und kosten einen Bruchteil der Originale - zwei US-Cent gegenüber einem Dollar pro Kondom. Laut Gesundheitsministerium assoziieren viele in Vietnam Kondome nach wie vor mit Untreue oder Sexarbeit, was sie nicht gerade beliebt macht. Wenn die erhältlichen Kondome jedoch so fehlerhaft sind, dass sie keinen Schutz bieten, wird sich das auch nicht ändern.http://www.irinnews.org/report/100190/vietnam-s-counterfeit-condom-crisis
Jugend ohne Sex in Japan
Über die Millenials und die Generation Y (meine Generation, schnüff) wird allenthalben viel geschrieben. Von SinnsucherInnen über "verwöhntes Pack" reichen die Labels, mit denen diese Generation bedacht wird. Die Symptome bei Japans Jugend und jungen Erwachsenen sind möglicherweise in diesem Licht interpretierbar. Vordergründig geht es um ihr fehlendes Interesse an Sex. Die Artikel auf Zeit Online versucht, die japanischen Verhältnisse zu ergründen, und zieht gleichzeitig Parallelen zu Deutschland. Ist die Situation dort etwas, das auch Deutschland blüht?via @gedankenreiter
http://www.zeit.de/2014/24/japan-jugend-sex
Bonus: Video der Woche
BuzzFeeds Youtube-Kanal BuzzfeedYellow (oh die Ironie) hat ein Video gepostet, das richtig lustig ist: Wenn AsiatInnen das sagen würden, was Weiße sagen. Für alle, die es tatsächlich noch nicht gesehen haben :Dkorientation-Feier in Berlin und Asian-German Identity
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| Kien Nghi Ha, Illustration von Nguyen I Linh |
"Es wäre schön, wenn wir dich mal kennen lernen würden", hieß es in der Mail an mich. Oh, wirklich? ;_; Ich und mein kleiner Blog... T_T
Schnell war das Busticket gebucht und über die panasiatische E-Mail-Liste meine Unterkunft klar gemacht (danke noch einmal an Trang für die freundliche Aufnahme im Wedding!).
Wir trafen uns Sonntagnachmittag bei Kimiko in Kreuzberg, die freundlicherweise nicht nur ihre Wohnung zur Verfügung stellte, sondern sich auch zum Großteil um die Bewirtung kümmerte. (An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank für das Sushi und die Waffeln!) Ich habe quasi den gesamten Abend gegessen. Sushi, Kuchen, Baklava, Kimchi-Pancakes, Eis... hach. Essen macht Spaß.
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| Sushi in the making. |
Zusammen ist man weniger allein
Wenn ich an meinem Blog arbeite und mir Gedanken zur asiatisch-deutschen, vietnamesisch-deutschen oder wie auch immer gearteten Identität mache, zu Rassismus und Sexismus schreibe und tweete, dann bin ich hier in München vor allem eins: Einzelkämpferin. Mit wenigen kann ich mich über mein asiatisch-deutsches Leben austauschen, die wenigsten leben es selbst.Aus diesem Grund war es schön, auf Menschen zu treffen, die eine ähnlich zusammengeflickte Identität haben und dabei ähnlich progressiv denken. Alle, die ich auf der Feier traf, hatten ihre eigene Geschichte: Von Menschen, deren Eltern teilweise oder gänzlich aus Ost-, Südost- oder Südasien stammen oder die selbst von Thailand oder Japan nach Deutschland ausgewandert sind. Ob es in unserer Biographie oder in unserer Identität eine Schnittmenge gibt, die letztlich alle miteinander verbindet, ist schwer zu sagen. Wichtig aber war, dass wir uns alle in irgendeiner Form als asiatisch und deutsch begreifen. Und dass es für uns wichtiger ist, unsere Kräfte zu bündeln anstatt uns bei Konflikten der Vergangenheit aufzuhalten.
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| Ich bin keine gute Fotografin. |
Anders als in den USA, wo die Asian-Americans eine eigene Kultur und Infrastruktur aufgebaut haben, stehen wir in Deutschland noch ganz am Anfang - die Feier in Berlin war der Startschuss für eine hoffentlich engere Zusammenarbeit zwischen Einzelkämpferinnen wie mir und Verbänden mit Länderschwerpunkten. Wir haben hier in Deutschland den Nachteil, dass wir zum einen rein zahlenmäßig viel weniger AsiatIschstämmige haben und dass wir uns zum anderen auf viele verschiedene Städte im ganzen Land verteilen.
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| Kien Nghi Ha eröffnet die Feier mit einer kleinen Rede. |
Studierende, Schreibende, KünstlerInnen und MusikerInnen, Filmschaffende: alles war dabei. Ich fühlte mich sehr wohl, einfach "normal" (Leute, die in ethnischer Hinsicht hier als normal gelten, machen sich gar keine Vorstellung, wie wohl es tut, sich selbst mal als normal zu erleben.) Den gesamten Abend über ging es um Fragen von Repräsentation, Theater und Kunst, wie und in welcher Form wir eine Verbindung zu Asien haben und sie leben (von "ich kann nur noch ganz wenig Vietnamesisch" über "ich fliege alle zwei Jahre nach Japan"). Poststrukturalistische Theorien paarten sich mit unglaublichen Zufällen.
Da war die Sache mit Sabine, mit der ich mich unterhielt. Ihre Mutter ist Koreanerin, ihr Vater Deutscher. Schnell fanden wir heraus, dass wir beide aus Mittelfranken stammten. Ich merkte an, dass ich erst zwei Wochen zuvor in München einen Koreanisch-Deutschen getroffen hatte, der auch aus Franken war, jetzt aber in London lebte. Sabine sah mich entgeistert an: "Du meinst aber nicht meinen Bruder, oder?" Die Welt ist klein.
Wozu das alles?
Nghi fragte mich später am Abend eine Sache. "Warum hast du mit dem Bloggen angefangen?" Ich musste etwas länger überlegen. Inzwischen ist mir Bloggen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich es einfach mache.Ich blogge, weil ich muss.
Nicht im Sinne eines Zwangs, sondern im Sinne eines inneren Bedürfnisses.
Um mir über Dinge klar zu werden.
Um meine Position in der Welt zu finden.
Um mich auszudrücken.
Wenn ich dabei andere treffe, denen es ähnlich geht und die meine Gedanken hilfreich finden, freue ich mich.
Danke an alle, die diese Feier möglich gemacht haben: Nghi, Kimiko, Noa, Trang, Ngoc Anh, Dan Thy (ich habe den Namen deiner Freundin vergessen!), Daniel, Toan, Thuy, Smaran, Anna, Susan (aus Freiburg nach Berlin trampen muss man erstmal schaffen), Kate, Sabine, und alle, die ich vergessen habe. Ich komme gerne wieder! :)
Alltagsrassismus gegen AsiatInnen - das NEO Magazin und #cancelColbert
Wenn ich in meiner Twitter-Timeline ein bestimmtes Hashtag von mehr als einem halben Dutzend Leuten angezeigt bekomme, weiß ich: Es ist wieder ein Shitstorm aufgezogen. Und manchmal sehe ich sogar zwei Shitstorms gleichzeitig - einmal diesseits und einmal jenseits des Atlantiks. Aber von vorn.
TV Total im chinesischen Fernsehen?
Noch habe ich die Hoffnung auf gutes deutsches Fernsehen nicht aufgegeben, weshalb ich immer Vorrezensionen zu Fernsehsendungen lese. Das NEO Magazin klang gut, also sah ich mir die Sendung vom 27. März an. Der SZ-Rezensent hatte auf jeden Fall Recht: Die Sendung war abseits des Üblichen. Dennoch hinterließ sie bei mir einen schalen Beigeschmack wegen einem Beitrag. Falls ihr die Sendung nicht gesehen habt, hier die Kurzzusammenfassung.In der Rubrik "NEO Magazin Fernseh-Nothilfe" hilft das Magazin langweilig gewordenen TV-Sendungen mit Content.
TV Total nimmt das zum Anlass, die chinesische Sendung als "Blamielen odel Kassielen" nachzustellen. Ich hätte wegen diesem beleidigenden Klischee am liebsten den Fernseher
Am nächsten Tag erhob sich auf Twitter ein Shitstorm gegen Jan Böhmermann, das NEO Magazin und zdf.neo: Rassismusvorwürfe wurden laut, die vom Sender und Moderator weitgehend ignoriert, kleingeredet oder teilweise lächerlich gemacht wurden. Auch ich fand es einfach blöd, wobei die Sendung selbst nur teilweise mein Unbehagen erklären kann. Aber dazu komme ich noch.
Colbert Report und der Tweet
In den USA herrscht derzeit unter anderem eine Diskussion über den Namen des Footballclubs "Washington Redskins", der rassistisch und für amerikanische Ureinwohner beleidigend ist. Als Wiedergutmachung hat der Verein angekündigt, eine Stiftung zu gründen. Der Name: Washington Redskins Original Americans Foundation. Ja nee, is klar.Der Colbert Report, eine eher linksgerichtete Sendung, und Ihr Moderator Stephen Colbert kritisierten diesen Schritt mit einer Satire, die später auch getwittert wurde:
I am willing to show #Asian community I care by introducing the Ching-Chong Ding-Dong Foundation for Sensitivity to Orientals or Whatever - QuelleSuey Park, eine Asian-American Twitter-Aktivistin und Autorin, nahm diesen Witz zum Anlass, das Hashtag #cancelColbert zu starten, um sich gegen Alltagsrassismus zu wehren. Schon in der Vergangenheit hatte sie mit #notyourasiansidekick zu einer Diskussion über Rassismus gegen AsiatInnen beigetragen. Grund genug für die Huffington Post mit ihr per Google Hangout über den Vorfall zu sprechen. Der Interviewer jedoch war wenig respektvoll - er nannte Parks Meinung "dumm", was entscheidend zur Eskalation beitrug.
Sie brach das Interview ab und machte ihrem Ärger auf Twitter Luft. #CancelColbert gab das noch mehr Auftrieb. Was folgte, waren Androhungen von Mord und Vergewaltigung gegen Park, noch mehr Rassismus und ein veritabler Shitstorm. Ein lesenswerter Artikel zeigt einen möglichen Grund, warum die Reaktionen gegen Park so heftig waren: Die Medien seien laut werdende, mächtige Asiatinnen nicht gewohnt.
Gleichzeitig gab es Stimmen auch innerhalb der asiatischen Community, die die Aufregung um Colbert und den Tweet nicht verstanden: Das sei klar erkennbar Satire, Colberts Persona in der Sendung ist der "dumme Republikaner", er entlarve Rassismus, und Suey Park und ihre FollowerInnen verstünden keine Satire. Die etablierten Medien sekundierten (s. erste Zwischenüberschrift hier).
Alltagsrassismus tief verwurzelt
Nach einigen Nächten darüber schlafen sah ich bei der Causa Böhmermann und #cancelColbert Parallelen: Beide Formate verordnen sich als progressiv. So ist der Colbert Report bekannt dafür, Bigotterie zu entlarven. Jan Böhmermanns Sendung gilt als Speerspitze guten Fernsehens in der Nische. Außerdem bezeichnete er in seiner Sendung den Blackface-Auftritt eines österreichischen Moderators gegen Kim Kardashian auf dem Wiener Opernball als "rassistische Beleidigung", was in deutschsprachigen Medien Seltenheitswert hat.Beide wollen die Schwächen ihrer ausgewählten GegnerInnen bloßstellen: Colbert will zeigen, dass der Verein rassistisch ist, Böhmermann will die Konkurrenz vom Privatfernsehen als in die Jahre gekommen und unfähig diskreditieren. Dass TV Total obendrein rassistische Klischees von der angeblichen r-/l-Schwäche von ChinesInnen wiedergibt, bleibt jedoch unerwähnt und wird auf der NEO magazin-Webseite munter weitergetragen.
Ebenso gemeinsam haben sie, dass sie AsiatInnen als Mittel zum Zweck gebrauchen. AsiatInnen werden mit Vorliebe zur Pointe gemacht und tauchen auch nur zu diesem Zweck auf. Dass der asiatische Kollege beim NEO Magazin (hatte der überhaupt einen Namen?) auch super wäre als Sidekick, ähnlich wie Manuel Andrack bei Harald Schmid, fällt niemandem ein.
Das Problem sind nicht das NEO Magazin oder der Colbert Report an sich - das Problem ist der blinde Fleck, den progressives Fernsehen nach wie vor beim Thema "hausgemachter Alltagsrassismus" hat, weil er so tief verwurzelt ist, dass er als solcher nicht erkannt wird. Stattdessen wird sich herausgeredet und der Fehler bei der angeblichen Humorlosigkeit der Gegenseite gesucht.
Hier erklärt sich mein Unbehagen: Wenn schon die angeblich fortschrittlichen Menschen und Massenmedien unter rassistischem Denken leiden, möchte ich mir lieber nicht ausmalen, was die Konservativeren oder die Stammtische über MigrantInnen oder auch Homosexuelle denken. Unbehagen ist der falsche Ausdruck - es macht mir Angst.
Asiatische Begegnungen in Hamburg
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| Wusstet ihr, dass Google Plus auch Bilderfilter hat? |
Einige, die Blogf verfolgen, haben es vielleicht schon gelesen: Diese Woche war ich im Rahmen der Social Media Week in Hamburg unterwegs. Neben Visitenkärtchen verteilen und verschiedene Blogartikel schreiben habe ich natürlich auch viele Leute getroffen. Teilweise war es Zufall, teilweise war es geplant, dass sehr viele AsiatInnen darunter waren (mal von Japan abgesehen). Und weil ich finde, dass sich Hamburgs wahre Schönheit in seinen Menschen zeigt, deshalb eine Stadtführung zu Leuten.
Große Freiheit - Ko
"Hey, ich überlege, einen Blog zu machen. Hast du schon mal schlechte Erfahrungen mit den Impressumsangaben gemacht? Viele Grüße aus Hamburg" Diese Mail erreichte mich vor etwas mehr als einer Woche. Ich schrieb zurück: "Nein, alles easy. Ach ja, bin demnächst in Hamburg. Wollen wir uns treffen?"So endeten Ko und ich in einem türkischen Imbiss in der Nähe der Großen Freiheit. Sie ist Juristin und arbeitet auch als Hilfswissenschaftlerin (daran meine ich mich zu erinnern). Während wir aßen und Ayran schlürften, erzählten wir uns unser Leben. Kos Eltern haben immer zeitweise in Deutschland und Japan gearbeitet, sodass sie in beiden Ländern zuhause ist. Seit Fukushima war sie aber nicht mehr dort. Blöd fand sie wohl nur den samstäglichen japanischen Unterricht. Mehr Lernstoff, weniger Freizeit. Verständlich. Im Rückblick betrachtet hätte ich aber gerne Vietnamesisch-Unterricht gehabt.
Wir sprachen über Popkultur - über Filme von Bent Hamer und Aki Kaurismäki sowie süchtig machende koreanische Serien. Beide waren wir uns einig, dass in koreanischen Serien mehr passiert und sie sich nicht scheuen, auch explizitere Szenen zu zeigen (Küssen und Sex), was bei japanischen Dramaserien nie vorkommt. Beim Thema Film kamen wir auch auf Filme von Hayao Miyazaki und stellten fest, dass sie auch westliches Publikum hervorragend ansprechen. Vielleicht liegt das an dem Setting - viele Kulissen sehen aus wie in Europa, etwa in meinem Lieblingsfilm von Ghibli, "Howl's Moving Castle". Ko vermutete, dass JapanerInnen das mögen, weil es für sie fremd und exotisch wirkt. Sie favorisiert im übrigen "Kiki's Delivery Service". Die Geschichte einer Hexe, die ihr Leben in die eigenen Hände nimmt, um sich etwas Eigenes aufzubauen. Das, was wir lieben, erzählt viel von dem, wer wir sind.
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| Hanseatischer Humor: Die Kuscheltier-Schlachterei |
Hamburg-Horn - Dang
Wer ein echter Digitalmensch ist, organisiert sich seine Kontakte online. Weil ich auch an meinem zweiten Abend nicht allein essen wollte, meldete ich mich auf Cookasa.de für ein Kochevent an. Kurz gesagt verabreden sich dabei Menschen online zum Kochen und gemeinsamen Essen (und Abwaschen) bei jemandem zuhause. Wer teilnimmt, ist geheim und wird erst einen Tag vorher enthüllt.Selbstverständlich waren wir alle in irgendeiner Form in der Medienbranche tätig und essen gerne. Das zusätzliche asiatische Gesicht hatte ich schnell identifiziert. Ein paar Augenblicke lang herrschte peinliche Stille - sollte man jemanden nur wegen seines/ihres Asiatisch-Seins ansprechen? Als AsiatIn?
Nach einer Weile fasste ich mir ein Herz: "Darf ich dir eine 'offensive question' stellen?" - "Schieß los." - "Was ist denn dein Background?" - Er lachte: "Der ist wie bei dir. Mein Vater ist Vietnamese." Meinen Background hatte er schnell erkannt: Mein Name ist eindeutig vietnamesisch und die anderen hatten mir die "offensive question" bereits nach fünf Minuten im Wohnungsflur gestellt.
Überhaupt, das System. Auch in der zweiten Generation besteht die Mauer zwischen demokratisch-kapitalistisch und sozialistisch in vielen Köpfen weiter. Meine Eltern vermieden Kontakt zu ehemaligen DDR-GastarbeiterInnen, weil die "systemverseucht" seien. Dang war ziemlich genervt davon, dass vietnamesische Boatpeople, ehemalige VertragsarbeiterInnen und alle dazwischen sich nicht vertragen konnten. Sicher, nach wie vor ist Vietnam ein Ein-Parteien-Land und es gibt keine freie Religionsausübung oder Meinungsäußerung, aber dennoch gab es doch auch gute Sachen. In Vietnam ist nicht alles scheiße. Und wir sind hier in Deutschland.
Es war befreiend, sich mit jemandem auszutauschen, der die Konflikte kannte und Bescheid wusste. Reden hilft. Dabei gut zu essen mit netten Leuten auch.
Hauptbahnhof - Jin-Jin
Meine Unterkunft hatte ich über Airbnb organisiert und war in einer WG von vier Studierenden gelandet, in der aber selten jemand da war. Bis auf Freitagvormittag: Da saß plötzlich eine Asiatin in der WG-Küche. Wie sich herausstellte, war sie eine der WG-BewohnerInnen. Wir unterhielten uns nur kurz - ein wenig Smalltalk zwischen Tür und Angel. Ihr gefiel es in der WG ganz gut und sie macht derzeit ein Praktikum. Mehr habe ich über sie nicht erfahren und ich hatte auch keine Gelegenheit "offensive questions" zu stellen.
St. Petrikirche - Rie
Auf dieses Treffen hatte ich mich am meisten gefreut. Rie ist eine alte Bekannte und Freundin von Schwesterherz: Sie hatte mit ihr in Erlangen und Kyoto studiert und ich kannte sie ebenfalls von meinen Japan-Besuchen. Rie hatte sich entschieden, in Deutschland ein Praktikum im Bereich Gemälderestauration zu absolvieren, um dann selbiges zu studieren. So hatte es sie im August nach Hamburg verschlagen.
Ihr Praktikum macht sie im Museum für Völkerkunde. Sie brachte ihren Job prägnant auf den Punkt: "Ich bin Putzfrau für Kunst". Deshalb ist auch eines ihrer wichtigsten Arbeitswerkzeuge ein kleiner Handstaubsauger. Aber nicht, um Staub zu entfernen (das bestimmt auch), sondern Würmer, Ungeziefer und andere Schädlinge zu eliminieren. Ich habe sie als sehr kreativ und künstlerisch veranlagt gesehen und sie gefragt, warum sie eigentlich nicht freie Künstlerin werden wollte (vor allem, nachdem ich ihre Studien für ihre Bewerbungsmappe gesehen hatte). Ihr Antwort war: "Mich interessiert das, was hinter dem Bild steckt, woraus die Schichten eines Gemäldes bestehen, aus welchem Material es gemacht wurde." Sie ist also ein Kunst-Nerd.
Da sie viel arbeitet, hatte sie selbst noch kaum Zeit, sich die Kirchen in Hamburg anzusehen. Also gingen wir zunächst in die St. Petrikirche, wo uns am Eingang vom Hamburger Hofbräuhaus (das gibt es) zu Promozwecken eine Brezn in die Hand gedrückt wurde. Sie war gut, wenn auch eher schwäbisch als bayerisch (lies: weich). Während ich ihr die christlichen Bildermotive wie die Jakobsleiter und die Passionsgeschichte erläuterte, erklärte sie mir vieles zum Hintergrund der Bilder - wortwörtlich.
| Nachdunkelung: Wie Sie sehen, sehen Sie fast nichts. |
Wir standen vor diesem riesigen Gemälde, das nach niederländischem Barock aussah und das Abendmahl zeigte. Das Bild war so dunkel, dass wir fast nichts erkennen konnten. Grund: der Firnis, also der Schutzüberzug, war über die Jahrhunderte nachgedunkelt. Solche nachgedunkelten Bilder kann man wieder aufhellen, indem man sie reinigt. Um den richtigen Reiniger zu finden, muss man erst einmal an einer nicht-sichtbaren Stelle (etwa unterm Rahmen) testen, ob das Lösemittel passt. Manchmal ist dafür sogar Seifenlauge oder einfaches Wasser ausreichend.
"Siehst du diese dicke Naht in der Mitte? Das bedeutet, dass die Leinwand schon einmal gerissen ist und bei einer Restauration wieder geflickt wurde." Tatsächlich zog sich eine Art Narbe über das ganze Bild, die ich vorher nicht beachtet hatte. Auch andere Bilder in der Kirche hatten Nähte, die aber wesentlich feiner waren: "Früher hat man auch Leinwände zusammengenäht, wenn es kein Stück in genau diesem Format gegeben hat", erklärt mir Rie. Das Bild wies auch feine Risse auf, in der Fachsprache Craquelé genannt. Diese werden nicht mehr repariert bzw. sind schwer zu beheben. Je nachdem, ob die Risse erhaben sind oder sich nach innen vertiefen, muss man anders vorgehen. Um das überhaupt zu erkennen, arbeiten RestauratorInnen deshalb mit sogenanntem Schlaglicht von der Seite.
Komme gerne wieder, Hamburg.
Es war eine sehr schöne Reise mit interessanten Begegnungen. Die Ereignisse hier sind nur ein kleiner Ausschnitt. Viele sind unerwähnt geblieben, aber doch im Gedächtnis gespeichert.
Danke an die Social Media Week in Hamburg (vor allem Inken, Susanne und John), an die Deutsche Bahn (die mein Zugticket bereitgestellt hat) und BlogF (Sylvia und Marlies).
Danke an die Social Media Week in Hamburg (vor allem Inken, Susanne und John), an die Deutsche Bahn (die mein Zugticket bereitgestellt hat) und BlogF (Sylvia und Marlies).
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