Erklärungen zu meinem Verbleib


Was ich in den letzten zwei Jahren gemacht habe


Wow, wieder hier. Sehr ungewohnt. Ich fühle mich etwas rostig, aber wir probieren es. Nach Zeiten, in denen ich halbwegs regelmäßig auf Danger! Bananas geschrieben habe, rutschte ich in einen Hiatus hinein. Was zunächst als kurze Pause fürs Privatleben gedacht war, wurden, nun, eine etwas längere Pause. Zwei Jahre. Wow. Willkommen zurück. Weil keiner mehr eine nennenswerte Aufmerksamkeitsspanne hat, kommt jetzt ein Listen-Artikel.


1. Endlich Nichtsingle.

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Wichtigste Neuerung: Ich bin seit inzwischen drei Jahren glücklich vergeben. Als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte, habe ich mich ein weiteres Mal auf Tinder angemeldet. Es sollte das letzte Mal sein. Eigentlich machte ich das nur, weil meine Arbeitskolleginnen schon vergeben waren und irgendjemand anderes für lustige Dating-Storys sorgen musste. Da seht ihr mal, ich bin so committed für gute Storys, dass ich in diesen Sumpf Tinder hinabgestiegen bin. Das Profil, bei dem ich hängen blieb, hatte nur zwei Bilder (deutliches Kennzeichen für geringe Lust an Selbstdarstellung) und im Text stand, dass keine Frau einen Tauchschein oder ähnliches mitbringen muss. Gottseidank. Eine Couchpotato wie ich. Und so ging es los.

Mein Lebenspartner – nennen wir ihn Jef – hat einen ganz gewichtigen Vorteil gegenüber anderen Freunden: Er hat Philosophie studiert (Schwerpunkt Adorno und Frankfurter Schule) und zeitweise beim NS-Dokuzentrum in München gearbeitet – er kennt sich also schon von Berufs wegen mit Ausschlussmechanismen, Rassismus und Antisemitismus, Systemen sowie Machtverhältnissen aus. Bei ihm muss ich mich nicht erklären, wenn ich wütend oder genervt von rassistischer Behandlung bin. Er ist genauso wütend darüber und nimmt meine Gefühle ernst. Letzteres sollte natürlich Grundvoraussetzung für LebenspartnerInnen sein, aber Jef kennt auch den theoretischen Hintergrund.

Wie man sich vorstellen kann, sind die Wochenenden mit spießigen klassischen Paarunternehmungen gefüllt und ich könnte darüber nicht glücklicher sein.

2. Keine Zeit fürs Schreiben

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Man nennt die Zeit zwischen 30 und 50 Jahren die Rushhour des Lebens – zu Recht. Ich bin zwar noch an der Ausfahrt zur Autobahn, aber mit dem Berufsleben wird die Zeit unweigerlich knapper. Und dabei habe ich noch nicht mal Kinder. Als Studierende hatte ich noch Zeit für Twitter-Tiraden. Wer erinnert sich nicht gerne daran, wie ich abends besoffen auf Twitter randaliert habe? Good times. Don’t do drugs, stay in school.

Die traurige Wahrheit als erwachsener Mensch ist: Du hast Zeit für ein Hobby, pick one. Das war bei mir das Swing-Tanzen. Musik machen? Weg. Zeichnen? Weg. Backen? Nur zu Geburtstagen. Wer drei- oder gar viermal die Woche tanzen geht, ist weder körperlich noch mental in der Lage, Blogs in der Freizeit zu schreiben. Und schon so hatte ich kaum noch Gelegenheit zu kochen oder gar zu schlafen. Ihr seht, es kamen einige Dinge unter die Räder. Von Nagelkunst wage ich gar nicht zu sprechen. Meine Nagelhaut feiert fröhliche Urständ. Eine Farbe und Glitzer draufgeklatscht muss heutzutage reichen. Ja, ich bin genauso enttäuscht wie ihr.

3. Leer geschrieben

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Ich arbeite als Contentmaschine in einer kleinen Agentur mit ca. 15 MitarbeiterInnen. Bonuspunkt: wir haben aktuell vier MitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund. Weiterer Bonuspunkt: Davon sind zwei meine Geschwister. Jedenfalls heißt das: Ich schreibe den lieben langen Tag. Storyboards für Unternehmensfilme (ich habe z.B. eine Science-Fiction-Serie über Cybersecurity geschrieben), Konzepte für Anzeigenkampagnen, Social Media-Posts, Blog-Artikel und Interviews.

Am Ende des Arbeitstages bin ich einfach leer geschrieben. Mein Gehirn ist dann nur noch amorphe Masse, zu keinem kreativen Gedanken mehr fähig. Die Aussicht, sich nochmal an den Schreibtisch zu setzen und einen Text rauszuhauen, ist wenig verlockend.

4. Immer derselbe Rassismus

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Mein Level an erlebtem Rassismus bleibt seit Jahren konstant. An 98% aller Tage passiert nichts außer dem rassistischen Systemrauschen, an 2% der Tage passiert etwas außergewöhnlich Rassistisches. Aber es ist immer dasselbe: Leute, die blöde Fragen stellen zum Beispiel. Auch in Corona-Zeiten hatte ich keine unangenehmen Erfahrungen - wie auch, wenn ich nicht rausgehe? Wie unterhaltsam oder sinnvoll das ist, im Prinzip jedes Mal dasselbe Fass zu öffnen, weiß ich nicht. Ich glaube, meine LeserInnenschaft weiß gut genug, wie Rassismus aussieht.

Niemand braucht dieses same old, same old. Zudem empfinde ich mich als extrem privilegiert, mich in einem eher linken, eher anti-rassistischen Umfeld zu bewegen. Da gibt es nicht so viel zu berichten. Kollege @Eishle von der trollbar.de weiß Ähnliches zu berichten, seitdem er aus Leipzig nach Mannheim umgesiedelt ist.

5. Der Drops ist gelutscht

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Wer sich jahrelang mit seiner eigenen Identität auseinandersetzen, ist irgendwann damit fertig. Zumindest war es bei mir so. Mir gingen die Themen aus oder ich wollte mich nicht darüber äußern. Die Hassverbrechen von Hanau und Halle an der Saale, unaufgeklärte Polizeigewalt. Das sind Ereignisse, die die meisten Menschen betroffen machen. Da muss ich nicht auch noch darüber schreiben und sagen, dass ich das scheiße finde. Das überrascht hoffentlich niemanden.

In meinem Leben bin ich außerdem inzwischen so privilegiert, dass es mir blöd vorkommt, über den Struggle zu schreiben. Ich habe einen guten Job, der mir Spaß macht, einen großartigen Lebenspartner, eine Familie, die zu mir steht und FreundInnen, mit denen ich auf einer Wellenlänge bin. Global und historisch betrachtet gehöre ich zu den reichsten und gesündesten 1% der Menschheit. Allein schon wer Ersparnisse hat, ist so viel reicher als ein großer Teil der Menschheit. Wer bin ich, wenn ich daherkomme und so tue, als ob ich die unterdrückteste Person auf der Welt bin?

Nein, stattdessen habe ich meine Privilegien von Ruhe und (finanzieller) Sicherheit genossen. Und es ist gut so. Rassismus ist für mich gefühlt eine Hintergrundstrahlung; manchmal treten deutlich wahrnehmbare Störgeräusche auf. Ich werde in Zukunft nur noch darüber schreiben, wenn das für die LeserInnenschaft betrifft.

6. Ich bin mehr als eine Betroffene

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Hier kommen wir der Sache näher. Wenn man einen Blog zur asiatisch-deutschen Identität unterhält, fängt man an, sich selbst nur noch durch diese Brille zu sehen. Plötzlich war ich auch für mich nur noch „die Asiatin“ oder die „Deutsch-Vietnamesin“, Vertreterin einer Community, die dringend Sichtbarkeit braucht. Ich empfand mich irgendwann nur noch als von Rassismus Betroffene. Das ist ein Teil der Wahrheit. Aber das sollte nicht die einzige Brille sein, durch die ich mich sehe.

Denn das ist das Blöde: Wer sich selbst als Nagel fühlt, sieht um sich herum nur noch Hammer. Aber ohne ein Gefühl der Selbstwirksamkeit geht jeder Mensch kaputt. Ich fühlte mich zermürbt, auch von der Pflicht, meine Stimme erheben zu müssen. Und nicht alle Mehrheitsmenschen um mich herum sind FeindInnen.





Rassismuserfahrungen sind Realität. Die Pein ist echt. Liya Yu hat das in ihrem Vortrag am Asian German Festival sehr gut erklärt. AsiatInnen mögen selten(er) offene rassistische körperliche Gewalt erleben, aber Ignoranz, Stereotype und schädigende Mikroaggressionen gibt es. AsiatInnen werden entmenschlicht. Aber ich bin nicht diese Erfahrung. Ich habe diese Erfahrung.
Und jetzt?

Keine Ahnung. Ich werde mich öfter an die Wurzeln dieses Blogs erinnern: Es ist ein Blog über ein asiatisch-deutsches Leben. Meins.

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