2015/06/29

Naekubi auf Tinder Part 2 oder: Warum ich einen Typ mit Yellow Fever datete


Bildmaterial zu Tinder Dating. Gebäudefassade mit der Aufschrift webdate.
Tinder Dating.

Dies ist eine Geschichte darüber, wie ich auf Tinder mich mit einem Typen einließ, der irgendwie einen Asiatinnen-Fetisch hatte. Es ist auch eine Geschichte darüber, wie der eigene Anspruch und die Realität aufeinanderprallen.

"Nein, du machst das falsch! Du musst den Stein mehr aus dem Ellenbogen werfen. Ungefähr so..." Mein Tinder-Date und ich warfen Kiesel in die Isar. Das heißt, wir ließen sie titschern. Er demonstrierte die richtige Technik: Den Ellenbogen eng an der Taille, Handgelenk stabilisiert. Aus der Hüfte heraus bewegte er seinen ganzen Rumpf und gab dem Kiesel ordentlich Schwung. Der flache Stein titscherte heftig über die Isar und klackerte auf die andere Seite des Flusses. Ich versuchte es erneut. Mein Steinchen plumpste nach drei Metern traurig ins Wasser und versank glucksend in der Tiefe. Frustriert und peinlich berührt setzte ich mich ans steinige Ufer.

Ich war auf meinem zweiten Date mit meiner ersten Tinder-Bekanntschaft. Er war groß, schlaksig, hatte wellige Haare und war vor allem: Weiß. Bio-deutsch durch und durch. Um uns herum waren viele Familien und Pärchen, die den letzten schönen Herbsttag nutzten, um an der Isar zu fläzen. Eine Weile schwiegen wir uns an, als ich es nicht mehr aushielt und herausplatzte:

"Bist du eigentlich an mir interessiert, weil ich Asiatin bin?"

Mein Date wirkte überrumpelt ob dieser Meta-Frage und suchte sichtlich nach Worten. Er sagte etwas von "Gesamtpaket", "so wie wenn jemand auf Blondinen steht". Mehr brauchte er nicht zu sagen. Ganz klar, mein Date litt an Yellow Fever, einer Krankheit, die viele Männer (Menschen?) im Westen befällt. Hauptsymptom ist ein starkes Faible für asiatische Frauen.

Symptome für "Yellow Fever" hatte es gleich zu Beginn gegeben. In seinem Profil stand Japanisch als Sprachkenntnis. Außerdem war er einmal mit einer Japanerin verheiratet*. Warum ich mich trotzdem mit ihm traf? Es ist Tinder - Leute treffen sich einfach so. Er schien interessant genug zumindest für ein Date zu sein. Er bestätigte außerdem meine Annahme, dass ich nur interessant für Menschen war, die eine Verbindung zu Asien zu haben. Sei es durch Auslandsaufenthalte, Manga oder K-Pop oder um Reisetipps für den nächsten China-Trip zu bekommen. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Pretty Fly for a White Guy

Im Nachhinein ist man immer klüger. Da betreibe ich seit Jahren diesen Blog und kämpfe gegen Stereotype und Rassismus. Ich habe mich immer gegen Yellow Fever und die Sexualisierung von Asiatinnen und die Entmännlichung von Asiaten gewehrt. Und dann ließ ich mich auf jemanden ein, der genau das verkörperte, was im Spiel der zwischenmenschlichen Beziehungen falsch lief. Jetzt zeigte sich, dass frühe Prägungen und Muster aus der Jugend sich nicht einfach mit Lippenbekenntnissen abschütteln ließen.

Es ist ein Jammer, wie viel Einfluss Erfahrungen aus Kindheit und Jugend auf uns haben und welche Lügen wir uns über uns selbst erzählen. Etwa, dass anders sein das Gleiche bedeutete wie weniger wert sein. Dass anders aussehen das Gleiche war wie hässlich sein. Dass man dankbar sein musste für jede/n, der/die dich attraktiv fanden. Und dass man gerade als Frau immer freundlich und verständnisvoll sein soll. Und dass weiß sein und weiß sein wollen normal sind.Muss das schön sein weiß zu sein. Das Weiß-Sein ist nie Thema, es ist als Kategorie nicht existent, kurz: Es ist egal. Die wenigsten "Betroffenen" denken sich als Weiße. Sie sind einfach nur Person.

Einfach ist bei mir nichts: In meinem eigenen Bewusstsein spielt sich das Asiatisch-Sein in den Vordergrund. Goethes "Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein" gilt für Leute wie mich nicht. Ich war nie "nur" Mensch.

Manchmal war ich zu wenig. Asiatischsein bedeutete oft nicht vollständig zu sein. Ich war nicht-weiß, nicht-helläugig, fuhr nicht mit meiner Familie in den Urlaub nach Spanien und hatte keine Großeltern, die ständig Kuchen für mich backten.


Manchmal war ich zu viel. Da war etwas an mir, das die anderen entweder gerne hervorhoben oder vollständig ignorierten. Achtlos hingeworfene Bemerkungen von Bekannten, KlassenkameradInnen oder LehrerInnen vereinten sich in meinem Kopf zu einem Bildnis von dem, was sie in mir sahen. Und was ich in mir sehen sollte. "Mach Kung Fu! Sag etwas in deiner Sprache! Deine Nase ist so platt! Deine Haare sind so schön schwarz! Bist du aus China? Du bist so zurückhaltend - liegt das an deiner Kultur?"

So gerne ich mich als "emanzipiert" von diesen Sticheleien und dem Alltagsrassismus sehe, so sehr hatte ich mich daran gewöhnt, dieses Bildnis der anderen für bare Münze zu nehmen. Sich gegen diese inneren Bilder aufzulehnen ist mühsam, eine zugewiesene Rolle zu übernehmen hingegen einfach. Selbst wenn es eine verzerrte, exotisierte Version einer Asiatin ist. Manchmal reflektiert man nicht genug über sich selbst und erwischt einen schwachen Moment. Mr. Yellow Fever war so ein schwacher Moment.

Außerdem: Er war nett genug, dass ich viele rote Flaggen überging. Wie das Noch-nicht-so-ganz-getrennt-von-der-Exfrau. Dass die (Ex-?)Frau Japanerin war. Dass er mich auf eine Geschäftsreise einlud, um im Nachhinein "meinen Anteil" des Hotels zahlen zu lassen (genau abgezählte 16 Euro). Dass er bei unserem zweiten Date mir dozierte, wie ich Kiesel zu werfen hatte.  Ich bin vielleicht zu weich, zurückhaltend und zu verständnisvoll, was auch so eine angeblich asiatische Rolle ist: Man sagt zu vielem OK und findet sich in einer Situation wieder, die man nie wollte.

Win some, lose some

Irgendwann im Februar war die Sache vorbei - hätte nicht gedacht, dass mal jemand mit mir per Chat Schluss macht. (Schreckliche Dinge, die man angeblich mal gemacht haben sollte: Entlassen werden, per Chat Schluss gemacht bekommen und einen geliebten Gegenstand verlieren. Alles erledigt.) Gründe gab es keine, ich bin mir sicher, es muss etwas Lächerliches gewesen sein. Der passende Abschluss für eine mittelmäßiges Zwischenspiel.

Die ganze Sache war zumindest lehrreich in meiner Selbstvergewisserung. Ich war Asiatin - aber nicht so, wie andere mich haben wollten. Obwohl es nur eine Affäre war, tat das Ende ziemlich weh. Ablehnung mag niemand. Ich hätte mich zurückziehen, Wunden lecken und traurig sein können. Stattdessen tat ich das genaue Gegenteil: Nach einem Tag stürzte ich mich wieder in Tinder. Es sollte das letzte Mal sein.

Fortsetzung folgt...



*Er behauptete, von ihr getrennt zu sein, aber ich bin bis heute nicht sicher, ob dies der Wahrheit entspricht.

2015/06/19

Die Toten kommen. Aktivismus, Flüchtlinge und politisch motivierte Kunst

"The Crossing Over", Enamur Reza, licensed under CC 2.0


#dietotenkommen - das Hashtag ging diese Woche durch Twitter und die Medien besprachen die Aktion, mit auseinandergehenden Meinungen und Ansichten. Auf Facebook fragte mich Leserin Xuan, ob ich als PoC meine Ansicht zur Aktion "Die Toten kommen" teilen könnte.

Das "Zentrum für politische Schönheit" transportierte in einer politisch-künstlerischen Performance die Leichname einer Mutter und ihres jüngsten Kindes aus Syrien nach Berlin um sie dort zu bestatten. Die beiden waren auf der Flucht von Syrien nach Europa umgekommen. (Zusammenfassung hier) Meine Gefühle und Ansichten dazu sind - geteilt. Ich erkläre euch genau, woran das liegt.

Menschen als Mittel zum Zweck

Das Zentrum für politische Schönheit hat gute Absichten: Sie wollen die Aufmerksamkeit auf das Flüchtlingsdrama lenken. Die Menschen, die tagtäglich auf armseligste Art und Weise vor unserer Haustür sterben, sollen ein Gesicht und einen Namen bekommen. Wir sollen hinsehen, schockiert sein und unsere politischen VertreterInnen bewegen in Gottes Namen etwas zu tun.
Mit welchen Mitteln man politische Entscheidungen oder "Awareness" erzeugt, ist die Gretchenfrage. Bei "Die Toten kommen" hat man zwei Leichname exhumiert, von Italien nach Deutschland transportiert und bestattet. Ist das makaber oder pietätlos?

Fakt ist: Die Körper dieser Menschen wurden benutzt um eine Botschaft zu transportieren. Menschen sollen, so hat der Philosoph Kant mal gesagt, niemals Mittel zum Zweck sein. Sie sind ihr eigener Sinn und Zweck. Wenn wir die Leichname als Personen betrachten, dann könnte man sagen: Ja, diese Menschen wurden benutzt. Sie können sich nicht dagegen wehren und Einspruch einlegen. Andere Menschen müssen für sie sprechen. Das ist, gelinde gesagt, nicht ideal. Was aber, wenn der "Verwendungszweck" ein nobler ist? Wenn durch diese Aktion auch nur ein Mensch davor bewahrt wird, im Mittelmeer zu verrecken? Aus idealistischer Sicht wäre es weiterhin verboten - Menschen sollen kein Mittel zum Zweck sein.

Doch aus einer pragmatischen Sicht ist es in Ordnung, zumal die Mutter und ihr Kind so wenigstens eine Bestattungszeremonie erhalten haben, wie es sich für menschliche Gepflogenheiten gehört. Ich gehe zudem davon aus (oder hoffe zumindest), dass die überlebenden Familienmitglieder in Vertretung der Verstorbenen ihr Einverständnis gegeben haben. Ich neige zur pragmatischen Lösung, weil das Leben nicht ideal ist und perfekte Lösungen nicht existieren.

Aus kartesischer Sicht (ich denke, also bin ich - d.h. wenn ich nicht mehr denken kann, bin ich auch kein Mensch mehr) sind die Körper nur noch Material. Man könnte alles mit ihnen machen, unter anderem in Berlin bestatten. Das sahen wohl auch die Behörden so: Es war leicht, die toten Flüchtlinge nach Deutschland zu bringen. Nur lebendig ist schwierig.

Über (politisch motivierte) Kunst

Hier kommt meine Chance die Kenntnisse aus dem Kunst-Leistungskurs anzuwenden. Es gibt viele Definitionen, was Kunst leisten soll. Die meisten setzen Kunst mit Schönheit gleich - Kunst als Augenschmaus, als Dekoration über der Couch oder als Beruhigungspille für den Geist. Deshalb stößt moderne Kunst auf so viel Widerstand: Sie ist nicht schön, nicht dekorativ, sondern hässlich, grotesk, unverständlich. Manchmal hat sie eine Agenda. Ist es in Ordnung, wenn Kunst eine Agenda hat?

Es ist selten, dass Kunst keinerlei Ziel verfolgt außer ästhetisch zu sein. Kunst war immer schon belehrend (religiöse Bildnisse), erzählend (Historienmalerei, religiöse Bildnisse), erotisch (Salonmalerei), aufregend (Historienmalerei) und vieles mehr. Politische oder gesellschaftskritische/-stabilisierende Zwecke gab es bisweilen auch. Ob Kunst gut ist oder nicht, machen einige daran fest wie viele Interpretationen sie zulässt. Kunstwerke mit vielen Bedeutungsschichten ist besser als eindimensionale Kunst. Nordkoreanische Propagandagemälde ist demnach keine gute Kunst - sie lässt nur eine Lesart zu: Wie großartig der Führer und Nordkorea sind. Solche Kunst regt nicht zum Nachdenken an, sondern manipuliert uns, damit wir eine bestimmte Emotion fühlen. Ein Zeit Online-Artikel kritisiert an #dietotenkommen genau das: Es hämmere eine Interpretation in den/die BetrachterIn ein. Ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber ich mag es nicht emotional manipuliert zu werden. Egal zu welchem Zweck. 

Prioritäten setzen - Menschenleben über alles

Jetzt mal Butter bei die Fische: Ich selbst bin kein Flüchtling, ich musste nie fliehen (außer vor potenziellen Nazis, aber das ist was anderes). Meine Eltern jedoch sind selbst per Boot aus Vietnam geflohen. Sie waren verzweifelt über die Situation nach dem Vietnamkrieg: Die südvietnamesische Seite besiegt, sie als Anhänger des demokratischen (aber korrupten) Südens und als KatholikInnen jetzt massiv benachteiligt in einem sozialistischen Land festgesetzt, wollten weg. Sie hätten es nicht gemacht, wenn es nicht wirklich schlimm gewesen wäre. Niemand verlässt seine Heimat für immer, wenn er/sie nicht dazu gezwungen ist.

Ich versuche mir vorzustellen, was meine Eltern dazu gesagt hätten, wenn ein Künstlerkollektiv eine Aktion wie "Die Toten kommen" veranstaltet hätte. Was gewesen wäre, wenn sie auf der Hölle von Pulau Bidong, zwischen zehntausenden anderer Menschen, krank, hungrig, durstig, sonnenversengt verletzt und traumatisiert von so einer Aktion gehört hätten. Ich glaube, es hätte sie einen Scheißdreck gekümmert. Wenn man in einer so schrecklichen Situation ist, interessieren eine/n nur zwei Dinge: nicht sterben und ein Aufnahmeland finden. 

Letztendlich sind solche Aktionen eher an die potenziellen Aufnahmeländer gerichtet, nicht an die Flüchtlinge selbst. Sie sind diejenigen, über die gesprochen wird, weil wir ihnen nicht zuhören würden, wenn sie selber reden würden. Rassismus halt. Also muss jemand aus den eigenen Reihen mit dem richtigen Stallgeruch kommen, damit wir in Europa hinsehen. Ob das Bewegung in die ganze Sache bringt? Ich hoffe, aber ich zweifle auch.

EDIT: Wir haben noch nicht einmal über die Tatsache gesprochen, dass in der Aktion PoC-Körper von Weißen genutzt werden. Letzten Endes sollen PoC davon profitieren, aber die Aktion riecht auch nach aktivistisch-künstlerischer Masturbation. Hätte es nicht bessere Möglichkeiten gegeben, Aufmerksamkeit zu erregen ohne nach dem kolonialistischen Prinzip "Weiße nutzen Nicht-Weiße für egal was" vorzugehen? Das ist Denkfaulheit und Geschichtsvergessenheit bei den KünstlerInnen.

Fazit

Ich finde die Aktion positiv mit Vorbehalten. Menschen mit Kunst auf Flüchtlingsnöte aufmerksam zu machen, ist an sich etwas Gutes. War die Bestattungszeremonie künstlerisch gesehen der beste Weg? Oder überdeckt der Schockwert die eigentliche Aussage? Ich befürchte, dass die empfundene Pietätlosigkeit den eigentlichen Sinn verdrängt. Und was bringt "Awareness", wenn man selbst nicht die politische Macht hat, die entsprechenden Gesetze auf den Weg zu bringen? Ein/e PolitikerIn muss sich dafür einsetzen. Jemand wie Ernst Albrecht. Noch nie von Ernst Albrecht gehört? Der niedersächsische CDU-Politiker Ernst Albrecht wird von den vietnamesischen Boatpeople nach wie vor verehrt, weil er als erster westlicher Politiker Boatpeople aufgenommen hat. Wer wird heute die Rolle von Albrecht einnehmen? Je länger wir warten müssen, desto mehr Menschen werden auf dem Mittelmeer sterben, jeden Tag.


In eigener Sache: Meine Serie über meine Erfahrungen auf Tinder geht bald weiter. Hätte nicht gedacht, dass Gefühle und Beziehungen beschreiben so schwierig wäre. :D

2015/05/17

Naekubi auf Tinder Part 1: Warum ich keine asiatischen Menschen date(te)

Eigentlich hatte ich vor, über Tinder aus Sicht einer Asiatisch-Deutschen zu berichten und von meinen Dating-Erfahrungen zu sprechen. Tinder im Selbstversuch also. Es gibt schließlich unzählige Selbstversuchbücher, von 30 Tage Couchsurfing über ein Jahr lang nur ein Kleid tragen bis hin zu nichts mehr aus Plastik benutzen. Warum also nicht Tinder unter die asiatisch-deutsche Lupe nehmen? Aber hier geht es um mehr als nur um neue Technologien - sondern um die Bestimmung meines Ichs in einem Koordinatensystem, in dem ich irgendwo am Rand verortet bin.

Tinder als Einstieg ins Online-Dating

Tinder ist diese ominöse Dating-App, wo man allein aufgrund äußerlicher Merkmale und einer sparsamen Selbstbeschreibung Menschen kennen lernen kann. Vom Facebook-Profil werden Vorname, Alter, Profilfotos und Interessen gezogen. Anhand der Ortsbestimmung gibt die App an, welche potenziellen PartnerInnen im gewünschten Alter und der angegebenen Entfernung erreichbar sind. Mal von dem datenschutzrechtlichen abgesehen, ist die App vor allem für schnelle sexuelle Kontakte gedacht, neudeutsch "casual dating". Viele verwenden es so (wogegen nichts zu sagen ist). Aber mehr und mehr Menschen verwenden Tinder, um ernsthafte Beziehungen zu suchen.

Die App ist der sanfte Einstieg in die forcierte Partnersuche: Im Gegensatz zu ernsthaften Datingportalen gibt sich Tinder locker-flockig, die App umweht der Flair des Lässigen, Unverbindlichen, und ermöglicht mit seiner niedrigen Einstiegsschwelle den perfekten Start ins Dating selbst für hochseriöse Menschen. Anders als bei Parship und Co. muss ich mich nicht mit Profilseiten aufhalten, in denen ich Lebensmotto und am besten meine Lieblingshandseife angeben soll. Stattdessen wird es UserInnen überlassen, mit Bildern und im Chat von sich zu überzeugen. Verpflichtungen und Verbindlichkeiten halten sich so in Grenzen. 

The Laws of Attraction

So sah ich es jedenfalls, als ich die App herunterlud und mein Profil anlegte. Im September meldete mich an, mit einer Mischung aus Skepsis und Neugierde. Schon im Voraus hatte ich mir eine Vorgabe gesetzt: Keine Ethnie wird bevorzugt oder ignoriert. Ob schwarz, gelb oder weiß: Hauptsache irgendwie interessant. Denn ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich trotz meiner Einstellung für mehr Vielfalt und gegen Rassismus bisher nur mit Westlern Beziehungen hatte. Zudem stellte ich fest, dass ich tendenziell europäische Gesichter bevorzugte, was ich sofort dumm und engstirnig fand.

Das passierte unweigerlich, weil ich weißen Menschen sehr viel häufiger begegnete als alle anderen Ethnien zusammengenommen. Nicht, dass ich andere offen abgelehnt hätte - es waren einfach sehr wenige. Dazu war so gut wie nie jemand dabei, den ich attraktiv gefunden hätte. Lag das daran, dass sie anders als der weiße Durchschnitt aussahen oder weil wir wirklich auf Persönlichkeitsebene nicht kompatibel waren? Sowohl das eine wie auch das andere hielt ich für möglich. Denn es gibt kaum etwas politisch Inkorrekteres als unsere Partnersuche und empfundene Attraktivität. Ein gutes Erklärvideo bietet Dr. Doe von Sexplanations:



Wir alle haben ein bevorzugtes "Field of Eligibles", also ein Spektrum von Menschen, die für uns als PartnerIn infrage kommen. Welches Alter, welches Geschlecht und auch welche Ethnie gehören als Faktoren dazu. In meinem Field of Eligibles kamen nie Menschen mit asiatischer Herkunft vor. Ich lehnte es sogar offen ab, mich auch nur mit jemandem meiner eigenen Ethnie zu treffen. Seltsam? Paradox? Vielleicht auf den ersten Blick.

Der Wurm unter der Lupe

Auf den zweiten Blick zeigt sich ein unübersichtliches Feld von Abgrenzung, Verdrängung und erlerntem Rassismus. Ich weiß nicht, wann ich es in meinem Leben spürte, es muss früh gewesen sein: Ich bemerkte, dass es zwischen mir und den anderen Menschen um mich herum einen Unterschied gab. Diese Menschen mussten bestimmte Fragen nicht beantworten; die wurden nicht ständig gefragt, woher sie kommen oder was für eine Sprache sie zuhause sprachen. Diese Menschen zeigten mir damit, dass ich anders war. Asiatisch eben.

Mit dem Anders-Sein hatte ich immer Probleme. War es zu viel verlangt, genauso behandelt zu werden wie die anderen und nicht wie ein Sonderling? Nicht betrachtet werden wie ein interessantes Studienobjekt, ein Wurm unter der Lupe? Ich hasste die Blicke, die Fragen, das zugeschriebene Fremdheitsgefühl, das mein Aussehen auslöste. In einem schleichenden Prozess begann ich, mein Aussehen abzulehnen. Schließlich war es der Grund, warum ich so anders behandelt wurde. Ich konnte noch so perfekt deutsch sprechen, noch so gut und fleißig in der Schule sein - ich würde immer die Andere bleiben, weil meine Haare ein bisschen dunkler und glatter, meine Augen mandelförmiger und meine Nase flacher waren als beim Durchschnitt. Ich hasste mein Aussehen. Ich schämte mich dafür.

Ich schob dieses Gefühl weg, so gut es ging, doch es holte mich immer wieder ein. Wenn ich einen Korb bekam (was in den awkward teenage years ja häufig vorkommt), dann führte ich es auf mein fremdes Aussehen zurück. Klar, wie konnte ich mir auch einbilden, dass jemand mich attraktiv finden könnte? Ich sah schließlich anders, fremd aus. In meinem Kopf hatte ich ein Bild von mir, das eher Frankensteins Monster als einem Menschen glich. Dann ging der Kreislauf von Selbsthass und Ratlosigkeit wieder los. Dieses Asiatische - ich wünschte es mir weit weg. Ich tat mein Möglichstes, um es von meiner Identität abzuhacken. Ich dissoziierte und verdrängte es ins Schattenreich meines Selbst, wo es lebte und mich heimsuchte, wann immer ich versuchte es zu ignorieren.

Super-Assimiliert und voller Vorurteile

Ich wollte beweisen, dass ich hierher gehörte. Dass ich zu 100% committed war, deutsch zu sein. Vietnamesisch, Asiatisch war out. Möglichst deutsch sein war gut und richtig, weil nur das zählte. Das betraf nicht nur mich, sondern auch mein Beziehungsleben: Klar, äußerlich würde ich nie ein Teil dieser Gesellschaft sein, doch einen weißen Freund zu haben bedeutete, Integrationswillen zu zeigen und nach oben zu daten, denn Menschen weißer Haut schienen besser zu sein als der kümmerliche Rest. Zumindest war es normaler. Seht her, wie assimiliert ich bin! Ich esse Knödel mit Bratensoße, ich habe einen deutschen Freund! Akzeptiert mich! Anders als andere VietnamesInnen mischte ich mich unter die Normalbevölkerung. Meine Einstellung war gut, denn ich trug nicht zur Ghettoisierung vietnamesischstämmiger Menschen bei. Nein, ich mischte mich unters Volk. Unters deutsche, weiße, gewöhnliche Volk.

Außerdem hatte ich aus der Beobachtung von Männern in meiner Verwandtschaft Folgendes gelernt: Asiatische Männer sind (anders als das Klischee im Westen behauptet) gottverdammte Machos und Patriarchen. Sie sind laut, spielen sich in den Vordergrund, wollen alles bestimmen, während die Frauen im Hintegrund bleiben und im Leben wenig zu lachen haben. Mein Vater und meine Brüder waren da anders, aber die waren auch Ausnahmen. (Mutter sagte mal, sie habe meinen Vater geheiratet, weil der nicht viel redete.) Als Feministin sage ich da: Nein danke. Mein selbstbestimmtes Leben wollte ich mir nicht nehmen lassen. Westliche Männer, so meine Überlegung, waren zwar ebenfalls nicht immer Feministen, aber bei ihnen schien mir die Chance höher, dass sie Frauen mit eigenem Willen zu schätzen wüssten. Dass ich hier rein über Vorurteile argumentierte, fiel mir nicht auf.

Kultur und ihr Einfluss auf Attraktivität

Dr. Doe erwähnt es im Video: Die Kultur beeinflusst, wen wir attraktiv finden. Und in dieser Kultur werden bestimmte Menschen nicht als attraktiv gelesen. Dazu gehören gerade asiatische Männer. Nicht nur, dass es nicht allzu viele in Deutschland gibt. Nie sah ich in Medien, wie solche Menschen in Beziehungen aussehen - als Leading Man, versteht sich. Asiatische Männer wurden nie als attraktiv gezeigt, sondern waren entweder Sidekick oder Plot Device. Sie waren keine Helden, sondern Fußnoten. Prädikat: unattraktiv und uninteressant. Was die westliche Kultur von Asiatinnen denkt, ist hinlänglich bekannt.

Letztendlich wollen wir PartnerInnen, die auf einem ähnlichen Attraktivitätslevel wie wir selbst sind. Es tut weh, das zu sagen, aber asiatische Männer empfand ich nie als ähnlich begehrenswert wie den weißen Durchschnitt. Ich lehnte nicht ohne Grund mein Asiatischsein ab, also konnte ich das Asiatische an anderen nicht wertschätzen oder tolerieren. Uns stört das an anderen, was wir an uns selbst nicht akzeptieren können.

Als ernsthafte Person nahm ich auch so etwas Banales wie Tinder ernst: Ich musste mir dazu meinen eigenen Rassismus und meine Voreingenommenheit eingestehen und mir bewusst eine vorbeugende Regel für das Dating setzen: Auch bei asiatischen Männern sollte (und würde!) ich nach rechts wischen, also Interesse anzeigen. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie das gehen sollte, da ich noch nie einen für mich attraktiven Asiaten getroffen hatte, aber die Möglichkeit wollte ich nicht von vornherein ausschließen. Was würde ich mit so einem tun? Konnte ich einen Asiaten überhaupt grundsätzlich attraktiv finden? Daran wollte ich denken, wenn es denn so weit kommen sollte.


Fortsetzung folgt...