2014/12/08

Yumyum: Wie ich auf dem Schulhof dealte

Ramen, Bild von flickr edkohler, CC 2.0


Die großartige Shehadistan teilte auf Facebook folgende Schlagzeile: Kinder essen Tütensuppe wie Chips. Der Artikel von 2011 berichtet von dem Trend, dass Kinder die asiatischen Tütensuppen, auch als Ramen und unter VietnamesInnen als Mi Goi bekannt, einfach trocken aus der Verpackung knabbern. Dazu sage ich: Ach was, neuer Trend. Das gibt es schon seit ewig. Woher ich das weiß? Weil ich den Trend mitbegründete, zwar im lokalen Rahmen beschränkt, aber immerhin. Damals in der Grundschule, in der zweiten Klasse, also vor (hust) zwanzig Jahren, vertickte ich das Zeug auf dem Schulhof unter der Hand. Es war ein florierendes Business, bis ich aufgrund eines "Vorfalls" aus dem Geschäft für immer ausstieg.

Das organisierte Tütensuppen-Dealen fing damit an, dass meine Mutter im Krankenhaus lag und mein Vater für unsere Schulverpflegung sorgen musste. Der Einfachkeit halber (und weil er überfordert war) gab er meinem älteren Bruder und mir je eines dieser Suppenpäckchen mit dem Namen "Yumyum" mit. Auf dem Schulhof waren wir damit die Stars - so etwas hatten die anderen noch nie zuvor gesehen: Ein knallbuntes, eckiges Päckchen, darin ein quadratisches Bündel an rotgoldenen Lockennudeln. Damals gab es diese Salz- und Glutamatbombe noch nicht allgemein im Supermarkt um die Ecke zu kaufen, was die Sache umso interessanter machte. Nachdem die InteressentInnen probieren durften, wollten sie: mehr. MEHR. MEHR!!!

Mutter, wieder genesen und zu Hause, hörte davon und erkannte sogleich das Potenzial dieser Nachfrage. Ihr Geschäftssinn sah sofort einen Markt für Yumyum. Also ließ sie uns bei den KlassenkameradInnen nachfragen, wer gerne Tütchensuppe haben wollte. Schnell hatten wir ein Dutzend Bestellungen zusammen und wir schleppten von nun an die Nudeln in unseren Schultaschen mit, um sie dann während der großen Pause zu verticken. Die Gewinnmarge war prächtig: Zu Hoch-Zeiten verkauften wir jedes Päckchen für eine Mark, für FreundInnen des Hauses gab es die Päckchen auch mal für 50 oder 70 Pfennig.

Da wir die einzigen AsiatInnen mit Zugang zum Yumyum-Markt hatten (einen Asia-Markt gab es nicht), besaßen wir das äußerst bequeme Monopol. Mutter zog als Mastermind im Hintergrund die Fäden und versorgte uns mit dem notwendigen Stoff. Unter den SchülerInnen sprach sich herum, dass ein neues und aufregendes Zeug zu haben war: salzig, knusprig, verdammt ungesund. Sehr bereitwillig gaben sie uns dafür ihr Taschengeld, andere bezahlten uns in Naturalien: Zwei Räuber-Hotzenplotz-Kassetten gegen vier Päckchen Yumyum war ein prächtiges Tauschgeschäft.

Wie das so ist mit illegal besorgtem Stoff: Das Zeug birgt Gefahren. Nicht nur, dass dieses Zeug ein Fertigprodukt der fiesesten Sorte mit extra viel Kohlenhydraten, Fett, Salz und Geschmacksverstärkern war: Neben den Nudeln und der Suppenbrühe in Pulverform befand sich darin noch ein winziges Tütchen Chilipulver, das für deutsche Kindermägen absolut nicht geeignet war. Wir schärften (haha) unseren KundInnen deshalb ein, dieses Beutelchen auf keinen Fall zu konsumieren.

Nun gibt es immer Leute, die keinerlei Respekt vor Warnhinweisen haben, und so passierte es, dass eines Tages jemand als Mutprobe oder einfach aus Dummheit sich das Chilitütchen in den Rachen schüttete. Weder ich noch mein Bruder hatten an ihn verkauft, also musste ihm jemand als Zwischenhändler Zugang dazu verschafft haben. Nach der großen Pause an jenem besagten Tag klopfte es an der Klassenzimmertür. Meine Klassleiterin machte auf, dahinter stand eine besorgte Lehrerin und ein sehr blasser Junge, der sich vor Schmerzen den Bauch hielt. Sie erklärte meiner Lehrerin, dass der Junge etwas Falsches gegessen und sich während der Deutschstunde ins Waschbecken übergeben hatte. (Man erzählte mir später, dass der gesamte Klassenraum danach gestunken hätte). Der Junge und seine MitschülerInnen nannten mich schnell als Quelle für das Malheur.

Meiner Lehrerin war ich bisher allenfalls als brave, ruhige und fleißige Schülerin aufgefallen, weshalb sie mich ungläubig mit großen kugelrunden Augen anschaute. Was das denn gewesen sei? Noch ehe ich antworten konnte, erklärten meine MitschülerInnen sehr schnell und bereitwillig, dass ich auf dem Schulhof Yumyum verkaufte, eine trockene Tütensuppe zum Knabbern. So schnell wurde ich noch nie verraten, danke. Die großen Augen meiner Lehrerin wurden noch größer.

Meine Verteidigung fiel schwach aus: Ich gab den Handel zu, erklärte aber auch, dass ich den Leuten immer sagte, nicht das Chilipulver zu essen, und dass ich somit keine Schuld an der Malaise des Schülers hatte. Der Erkrankte wurde nach Hause geschickt, ich blieb von den Behörden unbehelligt, damit war die Sache gegessen (haha). Die Geschichte verbreitete sich schnell als Folklore in der Schule, was uns noch einmal mehr Nachfrage von der Mutprobenfraktion bescherte. Doch genug war genug: Hier und da eine schnelle Mark zu machen, war das eine, aber ich musste die Grenze ziehen, wo Menschen verletzt wurden. Bald darauf erklärten mein Bruder und ich unserer Mutter unseren sofortigen Ausstieg aus dem Yumyum-Business.

Da meine Mutter immer noch meine Mutter war und nicht ein Mafiamob-Boss, nickte sie nur. Insgeheim glaube ich aber doch, ein gewisses Bedauern bei ihr zu bemerken. Schließlich wollte sie immer, dass wir geschäftstüchtige Menschen würden. Aber ich bin eher nicht die Sales-Persönlichkeit.

Damit endete meine Karriere als Dealerin auf dem Schulhof. Ich habe seither nie wieder mit Yumyum gehandelt und bin wieder ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft.

2014/12/03

Mein Geschreibe: Nanowrimo Update, Mädchenmannschaft, I am Vietnamese


Der Nanowrimo ist vorbei, ich habe meine 50.000 Wörter geschafft! Leider ist mein Roman noch nicht ganz fertig, der Schluss liegt jenseits der 50.000 Wörter - aber ich komme voran. Ich hoffe, demnächst ein weiteres Kapitel hier veröffentlichen zu können.


Eigentlich hatte ich vorgehabt, hier auf dem Blog zu dokumentieren, wie ich mit dem Schreiben von 1.300+ Wörtern jeden Tag zurecht komme. Der Mangel an Updates zeigt: Nicht so wirklich gut. Ich wusste es schon immer, und der Nanowrimo hat es erneut bestätigt, dass ich nicht die Vielschreiberin bin. Ich saß meist bis ein Uhr nachts am Roman, viel Zeit für andere Aktivitäten blieb nicht. Außer für die hervorragende Serie "Cosmos - A Spacetime Odyssey" mit Neil deGrasse Tyson. Sie fußt auf der Serie "Cosmos" von und mit Carl Sagan und beschäftigt sich mit dem Kosmos. Aber dazu kommt noch eine ausführlichere Review.

Der Nanowrimo hat genau das bewirkt, was ich mir erhofft hatte: Von außen Druck aufzubauen, damit ich das tun muss, woran mir wirklich etwas liegt. Wir alle kennen den Albtraum Prokrastination, der uns hindert, das in Angriff zu nehmen, was uns wirklich weiterbringt. Ich prokrastiniere wie so viele andere auch deshalb, weil ich mich in Selbstzweifeln, überbordender Selbstkritik und Hyperperfektionismus verliere. Manchmal auch, weil ich faul bin. Der Nanowrimo ist hingegen eine dreckige quantitative Angelegenheit: Bei der Zielmarke 50.000 geht es nun mal nicht um die schönsten, poetischsten und präzisesten Sätze, sondern um das Erreichen einer kritischen Masse. Das habe ich erst mal geschafft, dafür gabs am Sonntag nachträglich mir zum eigenen Geburtstag eine selbstgebackene Torte:
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Man verzeihe die schlechte Bildqualität. Die nächsten Wochen werden geprägt sein vom Beenden des Romans und dem fürchterlichen Redigierprozess. Ziemlich sicher, dass ich nicht nur einmal fluchen werde: "Was zum §§$§""%!"§!§@ hast du da geschrieben??!" Den Zuspruch, den ich bisher bekommen habe, bestärkt mich auf jeden Fall in meinem Vorhaben, mein Baby zu vollenden. Es gibt zu wenige Bücher, die sich literarisch mit diesem Anders-Sein beschäftigen. Zumindest mir hätte es als Teenagerin gut getan, mich in Büchern wiederzufinden - als Mensch zwischen den Stühlen. Nanowrimo hat wohl Recht: Die Welt braucht mein Buch.


Mädchenmannschaft-Kolumne

A propos Schreiben: Seit September gibt es auf dem feministischen Blog der Mädchenmannschaft eine Kolumne von - yours truly. Getauft habe ich sie "Die Emanzipation der Banane" und es geht um genau das: Meine Emanzipation. Als Frau, als Asiatisch-/Vietnamesisch-Deutsche. Ich sage nicht, dass ich in der Hinsicht alles richtig mache. Aber "sie bemühte sich stets". Zur Kolumne geht es hier entlang: "Die Emanzipation der Banane"

I am Vietnamese

Gestern kam noch eine schöne Nachricht an meinen Spamfilter: Eine Kurzgeschichte von mir wurde im Rahmen des "I am Vietnamese"-Projekts veröffentlicht! Die Anthologie umfasst mehr als siebzig Geschichten von AutorInnen mit vietnamesischen Wurzeln hauptsächlich aus den USA, aber auch anderen Ländern (wie Deutschland *hust*). Mit dabei sind auch berühmte Leute wie Schriftstellerin Madeline Truong, Andrew Pham, Andrew Lam und Chefköchin Christine Ha.

Die Anthologie ist als E-Book erhältlich, zusätzlich gibt es eine Kickstarter Kampagne, um daraus ein physisches Buch zu machen - das gedruckte Werk gibt es dann ab einer Investition von 25 US-Dollar. Alle Erlöse gehen an the Vietnamese Culture and Science Association (VCSA), Sunflower Mission und die Vietnamese American Scholarship Foundation (VASF).

Für mich persönlich ist es eine schöne Sache, weil das mein erster "literarischer" Text ist, den ich auf Englisch schrieb. Jede/r, der/die gerne mit Worten arbeitet, kennt das frustrierende Gefühl, an die Grenzen der eigenen sprachlichen Kompetenz zu stoßen. Von daher freut es mich besonders, für die Anthologie ausgewählt worden zu sein. Vielen Dank an Schwesterherz fürs Korrekturlesen, ohne dich hätte ich sicherlich noch einige Grammatikfehler drin ;)
Meine Geschichte "Trotzdem" findet ihr hier: Trotzdem

2014/11/01

NaNoWriMo - ich bin dabei.


Ich habe es vor Ewigkeiten angedeutet, dass ich einen Roman schreiben möchte. Jetzt wird es wirklich Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen und das Projekt ernsthaft anzugehen. Warum also nicht an NaNoWriMo dranhängen?

Wer es noch nicht kennt: NaNoWriMo steht für "National Novel Writing Month", kommt aus dem angelsächsischen Raum und soll NachwuchsautorInnen helfen, endlich mal zu Potte zu kommen und ihren Roman zu schreiben bzw. zu vollenden. Ziel ist es, bis Ende November 50.000 Wörter auf Papier zu bringen. Es gibt regionale Treffen, wo man sich austauschen und gegenseitig pushen kann, um wirklich bis zum Schluss durchzuhalten.

Da ich gerade anscheinend nichts besseres zu tun habe und dieser Roman wirklich beendet werden möchte, habe ich mich auf der Webseite von NaNoWriMo angemeldet. Diese ganzen Ausreden, von wegen: "Ich bin gerade kreativ ausgelaugt", "ich bin müde", "ich müsste eigentlich unbedingt die Küche aufräumen", sollen für den November einfach mal nicht gelten. Stattdessen: Volle Konzentration auf das Schreiben.

Auf Nachfrage über Twitter zeigte sich, dass einige durchaus Interesse hätten, Auszüge zu lesen. Also springe ich über meinen eigenen Schatten und veröffentliche hier das erste Kapitel. Ich habe es noch einmal leicht überarbeitet und es ist allenfalls der zweite Entwurf. Aber sei's drum. Butter bei die Fische.

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Es gibt eine Szene, die meine Jahre als Teenager in der Provinz zusammenfasst. Exemplarisch, wie ein griffiger Werbespruch, oder, wenn es gebildeter klingen soll, wie eine Sentenz von einem/r SchriftstellerIn (gewöhnt euch an die Binnengroßschreibung, ich bin Feministin).
Frühmorgens oder am Nachmittag, während der Schulzeit oder am Wochenende.

„Hey Tui! Tui, hey! Warte - “

Ich tat so, als hätte ich die Rufe nicht gehört. Ich wollte es nicht hören. Stattdessen drehte ich die Musik an meinem Smartphone lauter, schob meine Hörer noch tiefer in die Ohrmuschel und stapfte weiter. Bloß weg.

Ich, das ist eine Person namens Thuy: Meine Hände in den Taschen vergraben, die langen Haare ungeordnet, ungekämmt, wie ein schwerer Vorhang hingen sie herunter. An den Füßen trug ich schwere Stiefel, DocMartens, ich hatte ein Faible für die Neunziger. Klein und dürr wie ich war, sahen diese Stiefel übergroß an mir aus. Sie waren aber auch ein bisschen zu groß, damit ich die Schuhe auch im Winter mit dicken Socken tragen konnte. Diese Stiefel fühlten sich verdammt schwer an, trittsicher. Vor allem hielten sie mich dadurch am Boden.

Tui – damit meinten sie mich. Thuy – das sollte ich tatsächlich sein. „Das klingt nach Urlaub!“ sagten sie immer. Sie, das sind alle anderen. NachbarInnen, Bekannte, SchulkameradInnen. Das sollte nett sein. Nichts gegen Pauschalreisen, ab in den Flieger, Sonnenschein. Aber ich hasste Tui.

Auf Vietnamesisch gibt es ein Wort, das so ähnlich klingt wie "tui", und das heißt „übel riechen“ oder „stinken“. Leider hatten sich meine Eltern damals bei meiner Geburt keine Gedanken gemacht, wie Leute außerhalb wohl mit meinem Namen zurecht kommen würden. Sie suchten einen Namen aus, so wie es meine Großeltern bei ihnen auch getan hatten. Mit dem Unterschied, dass zwischen der Namenswahl durch meine Großeltern und der meiner Eltern ein Umzug in ein anderes Land lag.

Dabei lässt sich die Aussprache leicht erklären, wenn man Französisch oder Englisch kann. Das „uy“ (ein Doppellaut, auch Diphthong genannt) klingt wie das „ui“ in „je suis“. Blöd nur, dass die wenigsten Französisch können. „Thuy“ klingt auch wie die Mitte von „between“. Die Mitte von „dazwischen“. Je suis between.

Thuy ist ein Standardname, so wie Laura, Lea oder Maria. Nur nicht dort, wo ich geboren wurde und aufwuchs. Und weil das so war, wurde aus mir, Thuy, eine Tui. Meine Mutter sagte mal, dass der Name so viel wie "freundlich, sanft" bedeute.  Ich dachte nie daran, dass sich meine Person dadurch in zwei Hälften spaltete: in meiner Familie lebte eine Thuy und überall sonst Tui. Ich versuchte mir das Ganz schönzureden - so gesehen hatte ich einen richtigen Namen und einen Decknamen. Wobei ich mir selber einen cooleren Decknamen für außerhalb gegeben hätte. So was wie Katharina oder Frida oder Sibylle. Bruce Wayne hatte „Batman“, Clark Kent hatte „Superman“. Ich hatte „Pauschalurlaub“.

In meinem letzten Schuljahr unternahm ich den Versuch, meine KlassenkameradInnen  an „Thuy“ zu gewöhnen. Es war eine Kampagne meinerseits für mehr Authentizität, eine der Flausen in meinem jugendlichen Kopf. Ehrlich zu sich selbst sein bedeutete eben auch: Ehrlich zu den anderen sein. Und ich war ehrlich genervt davon, diesen blöden Pauschalurlaubnamen zu haben. Also erklärte ich in einer Klassenbesprechung für alle, wie mein Name funktionierte.

Die Aktion war nicht erfolgreich. 

Isabella, meine nächstbeste Freundin (dazu komme ich noch), gab sich große Mühe. Ihre Aussprache war in Ordnung. Alle anderen bestanden darauf, meinen Namen weiterhin „Tui“ auszusprechen. Weil das leichter sei, und "Das haben wir doch immer so gemacht." Wenn sie mich nicht ohnehin „Ufo“ nannten, weil es „auch drei Buchstaben hätte“.

Danach wurde es wesentlich leichter, meine Freundes- und Kontaktlisten auszumisten.


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PS: Einen Titel hat das Ganze noch nicht, aber einen Arbeitstitel: "Reisbällchen".

PPS: Ich vertraue euch LeserInnen immens, denn das ist das erste Mal, dass ich etwas fiktionales hier veröffentliche. Als AutorIn kommt man wohl nicht umhin, irgendwo über sich selbst zu schreiben, but here's the thing: Ich hätte gerne einen Jugendroman gelesen, in dem es um Konflikte geht, die ich von Haus aus kenne. Und wenn mans nicht selber macht...