Hin und wieder bekomme ich interessante Anfragen aus dem Elfenbeinturm - Studierende der Gesellschafts- und/oder Medienwissenschaften kommen gerne auf mich zu, um meine Meinung zu hören und diese in Abschlussarbeiten zu, nun ja, verarbeiten. Allen, auf die ich nie geantwortet habe: Es tut mir leid, dass ich es nicht geschafft habe - manchmal kommt etwas dazwischen, sodass ich keine Zeit finde.
Ich also als Studienobjekt für qualitative Auswertung zu Migration und Fremdheit. Kein Problem, wenn ich schon eine Spokesperson für Asiatisch-Deutsche bin. Nun wurde ich Ende letzten Jahres interviewt zu meiner Medienbiographie. Kurz gesagt, meint man damit die Medien, die mich in meinem Leben geprägt haben. Ich empfinde mich wirklich noch nicht als sehr alt, aber ich habe immer viel Medien konsumiert. Es hatte beinahe etwas Zwanghaftes. Mit meinem Medienkonsum könnte man Bücher füllen.
Aus einem simplen Interview wurde eine tiefgehende Analyse meiner seelischen Befindlichkeit. Stellt sich heraus, dass die Medien, die wir konsumieren, viel über uns aussagen. Case in Point: Heidi. Ich mochte Heidi immer, besonders in der schwarzhaarigen, japanischen TV-Version. Das ging sogar so weit, dass ich sie eine Zeitlang in meinem Tinder-Profil als Bild hatte. Warum Heidi? fragte mich die Interviewerin. Bis dahin hatte ich mir nie so viel Gedanken darüber gemacht. Ich versuchte meine Beziehung zu der Figur zu erläutern. Ihr und mir.
Wer ist Heidi?
Für alle, die ohne Fernseher aufgewachsen sind, eine kleine Zusammenfassung.
Heidi ist ein Waisenkind, das zunächst bei seiner Tante Edith aufwächst. Als die nach Frankfurt geht für die Arbeit, wird Heidi zu ihrem Großvater abgeschoben, der einsam auf einer Berghütte lebt und nur wenig mit den Menschen unten im Dorf zu tun hat. Er soll in seiner Jugend jemanden umgebracht haben, raunt man sich im Dorf zu. Aber Genaues weiß man nicht. Jedenfalls ist der Alm-Öhi unheimlich und sehr verschlossen. Heidi schafft es mit ihrem unbekümmerten und freundlichen Wesen den alten Mann aufzutauen und ihn menschlicher zu machen. Bis Tante Edith zurückkehrt und Heidi gegen ihren und Alm-Öhis Willen nach Frankfurt mitnimmt, wo sie im Haus einer reichen Familie der im Rollstuhl sitzenden Klara Gesellschaft leisten soll. Heidi kommt mit den Gepflogenheiten des reichen Bürgerhauses nicht zurecht, sie sehnt sich nach der simplen Bergwelt und beginnt vor lauter Heimweh schlafzuwandeln. Heute würden wir es vermutlich Depressionen nennen. Der Hausarzt der Frankfurter Familie drängt schließlich darauf, Heidi wieder zurück in die Berge zu bringen.
Ähnlichkeiten
Oberflächlich verbindet mich mit Heidi nicht viel. Außer der erwähnten schwarzen Haare, aber auch nur in der Anime-Version. Überall sonst ist Heidi natürlich blond. Nichtsdestotrotz war es ein Anknüpfungspunkt. Aber es geht hier nicht um ähnliche biographische Eckdaten oder Äußerlichkeiten, sondern um Gefühle und Empfindungen. Und für mich als kleines Kind gab es davon eine Menge. Als Kind will man vor allem spielen und Spaß haben und Dinge entdecken. Lernen ja, aber nicht um Ziele zu erreichen. Still sitzen und brav sein ist auch anstrengend. Der Trott von Institutionen wie Schule oder Kindergarten ist nicht attraktiv. Ohne wie eine Waldorferzieherin klingen zu wollen: Freiheit ist den meisten Kindern ziemlich wichtig. Da war ich als Kind auch nicht anders: den ganzen Tag mit Zicklein spielen, auf Wiesen herumrennen und Blumen pflücken - wo kann ich unterschreiben? Ganz ehrlich: Wenn ich heute damit durchkäme, würde ich nichts - nichts! - tun. Ich wäre stinkend faul.
Traumatische Ereignisse
Die deutschsprachige Version kommt durch die Musik und den Soundtrack leicht und lustig daher. Sieht man sich die japanische Originalversion an, ist der Ton wesentlich melancholischer, verhaltener. Der Aspekt von Heidis Heimatlosigkeit und Entwurzelung, besonders in der Frankfurt-Episode, wirkt durch die Musik nicht einfach nur traurig, sondern regelrecht traumatisch. Heidi in Frankfurt war mir als Kind immer besonders nah. Einerseits haben Kinder das Problem, sich den Erwachsenen mitzuteilen und ernstgenommen zu werden (ich hoffe, dass das heute besser ist). Zusätzlich muss Heidi mit ihr fremden Sitten und Gewohnheiten in einer gänzlich anderen Umgebung umgehen. Wie ein Fisch ohne Wasser ist sie ganz außerhalb ihres Elements. Sie wird in eine ihr fremde Umgebung verpflanzt, stößt auf Unverständnis und ist ein Fremdkörper. Sie passt einfach nicht rein, fühlt sich falsch. Klingt bekannt? Aber hallo. Als Kind konnte ich dieses Gefühl vielleicht nicht artikulieren, gespürt habe ich es dennoch.
Heidi war eine der wenigen Figuren, die mir als kleinem asiatisch-deutschen Mädchen eine Identifikationsfläche boten. Ein kleines Mädchen mit eigenem Kopf, freiheitsliebend, bisweilen unverstanden, aber lebenslustig und trotz ihrer Lebensumstände unglaublich widerstandsfähig.
Ob mir Heidi heute noch etwas zu sagen hat? Vielleicht einfach nur, dass man nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Und dass man einen Ort oder Menschen braucht, bei denen man sich zuhause fühlt.
Und dass Jodeln glücklich macht. Glaubt ihr nicht? Dann machen wir hier mal eine "Try not to smile"-Challenge:
Das
vergangene Jahr war in mehr als nur einer Hinsicht anstrengend und
frustrierend. Ich muss nicht erwähnen, was an 2016 alles suboptimal war.
Und 2017: Mir graut vor dir. Denn wir ernten, was wir letztes Jahr
säten. Auf politischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene.
Privat
war es bei mir chaotisch, weshalb ich wenig aktiv war. Wie oft habe ich
diesen Grund die letzten zwei Jahre angeführt... Nur so viel: Ich
bewundere und beneide diejenigen, die feste Beziehungen führen. Wie zum
Teufel macht ihr das?! Wie habt ihr jemanden gefunden, bei dem ihr
bleiben wollt und der auch bei euch bleiben will?! Auf länger?!! Ich
halte mich ja wirklich nicht für das Nonplusultra der menschlichen
Evolution, aber zumindest für ganz OK.
Vielleicht ist das
einfach der Dinge, die ich nicht kann: Beziehungen führen. So wie ich
nicht schnell rennen kann und es niemals so gut können werde wie andere.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Ich habe entweder zu hohe oder zu
niedrige Ansprüche. Ich bin mir sicher, eins von beiden muss es sein.
Versuch macht in diesem Fall auch nicht klug. Es erhöht nur die Chancen
für sexuell übertragbare Krankheiten.
Der Impuls
bei mir ist groß, mich ins Bett zu verkriechen, die Decke über den Kopf
zu ziehen und zu sagen: Weckt mich 2018. Was haben wir mit Trump,
Brexit, offenem Rassismus und mieser Popmusik schon 2017 zu erwarten?
Das
geht natürlich nicht. Unsereins muss ja auch essen und arbeiten. Ich
habe keine Hoffnung, dass ein neues Jahr alles neu macht. Ich bin immer
noch ich, die Welt ist immer noch wie sie ist und wenn es Fortschritt
gibt, dann so langsam, dass man es kaum wahrnimmt. Zumal schlechte
Neuigkeiten immer erfolgreicher sein werden als gute.
Also
warten wir ab und harren der Dinge, die da kommen. Ich beäuge 2017
jedenfalls misstrauisch und mit einer hoffentlich gesunden Skepsis.
Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday, dear Danger Bananas, happy birthday to you!
Dieses Jahr verfehle ich meinen Bloggeburtstag nur um einen Tag zwei Wochen. Am 23.10.2010 startete ich den Blog Danger! Bananas. Was begann als Kanal für meine Selbsttherapie, ist angewachsen zum politisch-kulturellen Treffpunkt für alle asiatischen Menschen in Deutschland. Ich bin über die Jahre zu einer Spokesperson für meine Community geworden. What? Mein Gott, die Verantwortung...
Über 400 Einträge habe ich verfasst, ihr habt mehr als 1300 Kommentare geschrieben - viele LeserInnen folgen mir bereits seit den Anfangstagen. Dafür vielen Dank an euch! Ich habe jeden einzelnen Kommentar gelesen. Wenn ich nicht geantwortet habe, bitte ich dies zu entschuldigen.
Nach sechs Jahren Beschäftigung mit meiner Asiatisch-Deutschen/Vietnamesisch-Deutschen Identität stellt sich mir die Frage: Was jetzt? Um das Bild der Selbsttherapie weiter zu bemühen, fühle ich mich weitgehend austherapiert. Ich fühle mich wohl mit mir selbst, habe es mir zwischen den Stühlen bequem gemacht. An sich bräuchte ich nicht mehr über dieses Thema reden, für mich ist die Sache klar. Ich bin ich, ich bin komplex, ich bin Teil eines neuen Deutschland, auch wenn viele da draußen mich nicht als Teil dieser Gesellschaft akzeptieren wollen. Sei's drum.
Ich durchlief verschiedenste Phasen. Phasen, in denen es mir unheimlich wichtig war, das "Fremde" an mir zu diskutieren und zu betonen. In denen ich mich auch zur biodeutschen Umwelt abgrenzen wollte und musste. Zu anderen Zeiten vertrat ich sehr aggressiv meine Ansichten und war schnell dabei, andere für ihre beschränkte Sicht der Welt zu verurteilen oder zumindest darauf hinzuweisen.
Dass die Auseinandersetzung mit Themen wie Herkunft nach wie vor notwendig ist, zeigt mir mein letzter Artikel auf bento, in dem es um Dating als asiatische Frau in Deutschland geht. Es kamen positive Rückmeldungen, durchaus konstruktive Kritik, aber eben auch eigenartige Kommentare von Internettrollen und Hatern.
Wie wird es hier weitergehen? Ich werde weiterschreiben, über Dinge, die mich interessieren, die euch hoffentlich auch interessieren. Ich werde weiterhin auf problematische Aspekte hinweisen, aber anders als früher tangiert es mich nicht mehr persönlich. Wenn jemand ein Problem mit mir hat, dann ist das sein/ihr Problem. Ich muss mir die Weltsicht der anderen nicht zueigen machen.
Danke für sechs großartige Jahre. Auf sechs weitere großartige Jahre.
Teska liebte es, in der Isar zu stehen und das Wasser anzustarren. Bild: Nicht Teska, via flickr: William Murphy
Da saß ich also, vor der Tür meines Exfreunds, mit einem Hund, der mir nicht gehörte, ohne einen Schlüssel in seine oder meine Wohnung. Der Hund war nass, ich war nass. Mich fröstelte. Es war das erste kalte Wochenende in diesem Herbst, es stürmte und regnete als wäre es November. Ich zog den Kapuzenpulli aus, um den Hund abzutrocknen. Die Irish-Setter-Dame sollte nicht an meinem Mangel an Voraussicht leiden.
Ihr werdet euch vielleicht fragen, wie ich in diese Situation kam. Es ist im Rückblick betrachtet eine Geschichte, die so deprimierend ist, dass es fast wieder lustig ist.
Nur einige Stunden zuvor hatte mein jetzt Ex-Freund zu mir gesagt: "Ich mag dich, aber ich will nicht mit dir zusammen sein." Wie man sich vorstellen kann, zog mir das den Boden unter den Füßen weg. Wir lagen beide gerade in seinem Bett. Ich wollte aufstehen und gehen, einfach nur weg. Stattdessen blieb ich neben ihm liegen. Ich lag da, neben ihm, ein Mensch, der mir vor wenigen Minuten noch so nah war und der jetzt auf einem anderen Planeten existierte. Einem Planeten, auf dem ich nicht wohnen konnte. Wohnen durfte.
Ich weinte leise, wir redeten, ich spielte meine "Hymns of Utter Defeat"-Playliste ab, die ich für derlei Anlässe vorbereitet hatte. Glorreicher Untergang. Pure Verzweiflung in donnernden Dur-Akkorden. Gefühle haben etwas Unergründliches. Wir mögen Menschen aus unerfindlichen Gründen, wir verlassen sie aus unerfindlichen Gründen.
Irgendwann am Abend ging er - er hatte ein Treffen mit Freunden verabredet. "Wenn du zurückkommst, werde ich wahrscheinlich nicht mehr da sein", sagte ich, als er seinen Mantel anzog. "Das wird sehr traurig sein", sagte er und ich glaubte ihm, dass er das so meinte. Aber was wusste ich schon von der menschlichen Natur. You know nothing. Er ging, ich blieb alleine zurück. Ich weinte vor mich hin, allein.
Nach zwei Stunden Weinen war ich ausgetrocknet. Ich schlich mich in die Küche und holte mir ein Glas Wasser, als ich den Hund im Flur liegen sah. Teska, die Irish-Setter-Dame mit den Hüftproblemen. Sie blickte mich erwartungsvoll an. Der Schlüsselbund lag in der Schüssel auf der Kommode, wie immer. "OK, Teska, lass uns spazieren gehen!" sagte ich zu ihr, als ob sie verstände. 'Ein letztes Mal', fügte ich im Kopf hinzu. Ich steckte mein Handy und den Schlüsselbund ein, nahm die Hündin an die Leine und ging raus. Sie freute sich so auf das Spazieren, dass ich keine Zeit hatte, sie in den Aufzug zu bugsieren. Fröhlich sprang sie die Stufen hinab als wäre sie ein Welpe, ich folgte ihr mit hängenden Schultern.
Wie in jeder klassischen Break-Up-Story goss es an jenem Tag in Strömen. Seltsam, meine Beziehungen hatten die unangenehme Angewohnheit, im Herbst zu implodieren. Sie waren wie Schmetterlinge, die im Spätsommer starben. Teska schien der Regen nichts auszumachen. Sie lief einfach neben mir her, schnupperte hier und da und war brav und lieb. Die frische Luft tat mir gut, aber was nützt ein bisschen frische Luft bei Herzenselend? Nach einer Runde um den Block hatten wir beide genug und gingen zurück zur Exfreund-Wohnung. Ich würde meine Sachen zusammenpacken und endgültig verschwinden.
Ich zog den Schlüsselbund aus der Jackentasche und öffnete die Tür.
- So wäre es idealerweise gegangen.
Ich probierte jeden Schlüssel um festzustellen, dass keiner von ihnen passte. Glücklicherweise war ich zu traurig, um Panik zu bekommen. Wie der Zufall es so wollte, kam es noch schlimmer. Das heißt im Klartext: Der Mitbewohner meines Exfreunds war ebenfalls nicht da und nicht erreichbar. Ich war allein auf dieser ersaufenden Welt, bis auf den nassen Hund natürlich, der von meinem Unglück nichts ahnte.
In solchen Situationen übernimmt mein Pragmatismus - Panik holen wir später nach. Ich klingelte bei allen Nachbarn, sodass ich wenigstens nicht mehr auf der Straße stand. So endeten wir im Treppenhaus vor der Wohnungstür meines Exfreundes. Ich und der nasse Hund. Wenigstens war es dort nicht nass, sondern nur zugig.
Aber halt, ich hatte noch nicht den absoluten Tiefpunkt erreicht, sagte sich das Universum. Ich versuchte, meinen Exfreund zu erreichen - die letzte Person, die ich in dieser Situation kontaktieren wollte. Glücklicherweise oder unglücklicherweise war sein Handy aus oder er ging nicht ran. Allein, allein. Wir sind allein. Ich und der nasse Hund.
In meiner Ratlosigkeit rief ich meine Schwester an, der ich alles sehr gefasst erzählte (remember, mein Pragmatismus). Sie war weit weg und konnte wenig tun außer zuhören.
Also rief ich eine meiner besten Freundinnen an, die in derselben Stadt lebte, erzählte ihr meine traurige Geschichte. Wir hatten uns erst am Abend zuvor getroffen und ich hatte ihr von meiner glücklichen Beziehung erzählt und wie gut er und ich uns verstanden. Sie konnte mir ebenfalls nicht helfen, weil ihre Schwiegereltern da waren und sie selbst einen Hund im Haus hatten. Hello darkness, my old friend.
Teska hatte sich inzwischen vor die Tür gelegt. Von ihr war kein Vorwurf zu hören. Sie verstand unsere prekäre Situation wahrscheinlich nicht, aber zumindest ging sie auch nicht weg. Hunde sind einfach - du gehst mit ihnen spazieren und schon haben sie dich lieb. Menschen sind da wesentlich komplizierter. Du kannst ihnen noch so viel Verständnis und Liebe entgegenbringen und sie lehnen dich doch ab.
Inzwischen war mehr als eine Stunde vergangen. Mich fror erbärmlich, während ich auf der dreckigen Fußmatte vor der Wohnungstür saß. Nachbarn kamen vorbei, sahen mich kurz an und gingen weiter. War das schon unterlassene Hilfeleistung? Oder einfach die großstädtische Gleichgültigkeit? Ich stellte mich darauf ein, die Nacht vor der Tür zu verbringen. Es gab Schlimmeres. Schluss gemacht zu bekommen, zum Beispiel.
In einem letzten Versuch schrieb ich dem Mitbewohner meines Exfreunds eine Nachricht auf Whatsapp. Vielleicht war da Hoffnung, irgendwas.
Das Universum hatte Gnade mit mir. Anscheinend war meine Quote an Herzeleid für dieses Mal erreicht. Der Mitbewohner meldete sich, dass er in zehn Minuten zuhause wäre.
Nach 20 Minuten war er da und öffnete die Tür. Ich musste ihm erklären, dass sein Mitbewohner und ich Geschichte waren. Wir hatten nie viel gesprochen, mir war es peinlich, dass das unser einziger längerer Austausch sein würde. Er sagte, dass es ihm leid tue. "Mir auch", murmelte ich.
Ich trocknete Teska ab, so gut es ging. Es war fast 11, es regnete weiter in Strömen. Ich wollte nicht in der Dunkelheit im Regen nach Hause fahren, also beschloss ich, da zu bleiben. Der Ex würde ohnehin nicht nach Hause kommen, so meine Überlegung, also machte es keinen Unterschied, ob ich bei ihm oder bei mir zu Hause alleine war.
Ich putzte mir die Zähne, wusch mir das Gesicht, zog meinen Schlafanzug an und legte mich in das Bett, das mir fremd geworden war. In der Hälfte, die mal "meine" war.
Irgendwann um fünf kam er zurück. Ich konnte gar nicht anders, als davon wach zu werden. Er legte sich zu mir ins Bett. Warum macht er das? Es gab doch noch die Couch. Ich rührte mich nicht, er rührte sich nicht. Ich konnte den Alkohol riechen.
Wir schliefen nebeneinander. Ich machte mir Gedanken über meine gesamte Existenz, die zu diesem Punkt geführt hatte. Wenn das Leben eine Geschichte ist, war meine eine Sitcom, die schon zu lange geht, mit zu vielen Schreibern, die sich nicht einigen können, wohin das Ganze führen soll. Die Zuschauer fragen sich auch schon langsam, mit wem die Protagonistin enden wird. Egal, wie das Finale aussieht - sie würden enttäuscht sein.
Irgendwie komisch, fast lustig, da mit ihm zu liegen. Manchmal rückte er näher, drückte sich an meinen Rücken, griff nach meiner Hand. Ich ließ ihn. Ich konnte mich nicht wehren. Ich wollte nicht.
Man kann viel nachdenken, wenn man so neben jemandem liegt, der einem bis vor zwölf Stunden so viel bedeutet hat. In der Zwischenzeit hatte ich unsere gesamte Beziehung Revue passieren lassen. Das ging leicht, es waren ja nur zwei Monate. Zwei Monate Tanz auf dem Vulkan. Jetzt war der Boden Lava und ich sollte mich retten, ehe es mich in den Abgrund zog. Ich kam zu dem Schluss, dass es besser so war, wenn wir es hier und jetzt beendeten. Ich stand auf, schrieb alle meine Gedanken in einen Brief an ihn, eingeschlossen mit einer Handlungsanweisung für die Kosten des Thailand-Urlaubs, den ich mit wegen ihm gebucht hatte. Notiz an mich selbst: Eine gesunde Skepsis in Liebesdingen ist immer angebracht.
Ich war stark, ich war gefasst, ich hatte alles unter Kontrolle. Übers Weinen war ich hinaus, sagte ich mir. Stop crying your heart out. Wir redeten erneut, ohne anderes Ergebnis. Er las den Brief, drückte mich noch einmal an sich. Die Lage hatte ich korrekt erfasst und selbst jetzt konnte ich ihm noch einige ermutigende Worte auf den Weg geben. Worte, die ich selbst gut hätte gebrauchen können. Zumindest mein Texttalent verließ mich auch in Momenten höchster Not nicht, dachte ich bitter. "Wir könnten noch einmal mit dem Hund rausgehen", sagte einer von uns beiden. Ich trat aus dem Zimmer, Teska stand von ihrem Bettchen auf und sprang mir schon freudig entgegen. Jede Faser ihres Körpers drückte Freude aus.
"Sie freut sich total darüber, dass du mit ihr rausgehen willst", sagte er. Ich blickte ihn unverwandt an, um wieder den Hund anzustarren, der versuchte an mir hochzuspringen. Das war zu viel. Dieser dumme fröhliche Hund schaffte es, was ein neben mir schlafender Exfreund nicht schaffte. Mich zum Heulen zu bringen. Hunde sind einfach - sie sind dankbar, wenn man mit ihnen Gassi geht und ihnen Leckerlis gibt. Diese treudoofe Seele, die einen einfach mochte. Endlich einmal etwas, das länger als vier Jahre hält.
Ich trocknete meine Tränen, schnäuzte mich. Wir gingen spazieren, redeten noch mehr. Es war deutlich, dass wir uns zwar mochten, aber dass er das so nicht mehr weiterführen wollte. Life's a bitch and you know it. Es reicht nicht, wenn einer will.
Irgendwann am Abend verabschiedeten wir uns voneinander. Er half mir, meine Sachen runterzubringen und im Fahrradkorb zu deponieren. Er schenkte mir seine alten Wanderstöcke, wie als Zeichen dafür, dass ich meinen Weg jetzt alleine machen müsste. "Danke für alles und für den Brief", sagte er. "Danke, dass du es versucht hast", sagte ich. Wir umarmten uns. Ich hatte Tränen in den Augen, aber das machte nichts. Es hatte sowieso wieder angefangen zu schütten. Ich weiß nicht, ob ich nichts sah, weil ich so weinte oder weil es so regnete. Meine Brille war von innen und von außen beschlagen.
Von jetzt an war Blindflug angesagt.
Da macht man sich noch über Tom Hiddlestons Drei-Monats-Beziehung lustig, nur damit die eigene nach zwei Monaten vorbei ist. #blessed
Ausstellung "Zitate" von Wolfgang Herrndorf im Münchner Literaturhaus
Ihr kennt das Prozedere: Ich blogge, versuche regelmäßige Updates zu posten, um dann wieder für Wochen zu verschwinden. Wenn ich wieder auftauche, gibt es eine Entschuldigung, ich gelobe, mich zu bessern, und halte es für einige Tage oder Wochen durch. Oder nicht.
Es gibt keine Rechtfertigung, außer, dass mir das Leben dazwischen gekommen ist. Twitter hält ein paar trunkene Tweets bereit, die mein Verschwinden erklären. Kurz: Jemanden kennen gelernt, wie die Faust aufs Auge, Topf auf Deckel, Fisch zu Fahrrad. Die abgedroschenen Phrasen, so banal wie passend.
Anstatt heute eine interessante Reise anzutreten, gingen [CLASSIFIED] und ich in eine Ausstellung im hiesigen Literaturhaus. Er wollte gerne die Ausstellung "Zitate" von Wolfgang Herrndorf sehen, der neben seinem berühmt gewordenen Blog "Arbeit und Struktur" auch zahlreiche Illustrationen und Zeichnungen als Auftragsarbeiten, meist für die Titanic, anfertigte.
Ohne viel über Herrndorf zu wissen oder seinen Blog gelesen zu haben, gefiel mir sein Bildwerk. Er verstand etwas von Malerei, kannte seine Kunstgeschichte, jonglierte mit Anspielungen auf große Kunstwerke und machte das mit so großem Humor, dass wir und einige der anderen spärlichen BesucherInnen lachen mussten.
Auf den Wänden fanden sich immer wieder Zitate von Herrndorfs Oeuvre. Wer sich als BloggerIn oder TextschaffendeR richtig schlecht fühlen mag, möge bitte etwas von Herrndorf lesen. Er hat tiefen Eindruck bei mir hinterlassen mit seinem poetischen Blick auf das Alltägliche. Ich blätterte die Buchausgabe von "Arbeit und Struktur" durch und blieb an einem der ersten Einträge hängen. So wie Herrndorf über die Miele-Waschmaschine seine Eltern schrieb, möchte ich am liebsten heulen und alles, was ich je produziert habe, verbrennen. Ja, man wird besser mit jedem Text, aber dazu mit Talent und Stilvermögen ausgestattet sein - unvergleichlich.
[CLASSIFIED] und ich rätselten, was Herrndorf mit diesem Zitat gemeint haben könnte. Ich seh den Sternenhimmel. Ging es nur darum? Oder gab es eine tiefere Bedeutung? Große Kunst lässt viele Lesarten zu. Simple Kunst ist entweder Kitsch, Schwulst oder Propaganda. In jedem Fall uninteressant. Wir steigerten uns in eine Diskussion über die Natur von Begrifflichkeiten, dem Verhältnis zwischen dem Konkreten und dem Abstrakten und beließen es dabei, dass das Zitat das war, was immer wir ihm an Bedeutung beimaßen.
Meine Bewunderung für die PoetInnen des Alltags ist immens. Sie verkörpern das, was ich mir für mein Leben wünsche: Die Entdeckung des Poetischen im Alltag. Die Erzählung eines regulären Mittwochnachmittag im Büro, des Einkaufens nach Feierabend - zutiefst menschlich, immens rührend, niemals langweilig. Es ist einfach, heroische Großtaten literarisch aufregend zu gestalten. Eine Waschmaschine von Miele als Protagonisten auftreten zu lassen, dazu braucht es Begabung und unermüdlichen Fleiß. Bin ich zu faul, um besser zu werden?
Neu entdeckt: das gangundgäbe in der Kapuzinerstraße
Am Ende des Tages stehen Kaffee und eine heiße Schokolade. In der selben Straße, wo das Arbeitsamt ist, befindet sich das gangundgäbe, eine überaus geschmackvolle Cafébar und Rösterei, in der leise Jazz lief, in der ich mich aber selbst in Wanderstiefeln und Outdoor-Jacke wohlfühlte. No judgment. Ever.
Beim nächsten Mal muss ich einen dieser riesigen Cookies probieren. Oder einen Kaffee.