Der nasse Hund

Teska liebte es, in der Isar zu stehen und das Wasser anzustarren. Bild: Nicht Teska, via flickr: William Murphy


Da saß ich also, vor der Tür meines Exfreunds, mit einem Hund, der mir nicht gehörte, ohne einen Schlüssel in seine oder meine Wohnung. Der Hund war nass, ich war nass. Mich fröstelte. Es war das erste kalte Wochenende in diesem Herbst, es stürmte und regnete als wäre es November. Ich zog den Kapuzenpulli aus, um den Hund abzutrocknen. Die Irish-Setter-Dame sollte nicht an meinem Mangel an Voraussicht leiden.

Ihr werdet euch vielleicht fragen, wie ich in diese Situation kam. Es ist im Rückblick betrachtet eine Geschichte, die so deprimierend ist, dass es fast wieder lustig ist.

Nur einige Stunden zuvor hatte mein jetzt Ex-Freund zu mir gesagt: "Ich mag dich, aber ich will nicht mit dir zusammen sein." Wie man sich vorstellen kann, zog mir das den Boden unter den Füßen weg. Wir lagen beide gerade in seinem Bett. Ich wollte aufstehen und gehen, einfach nur weg. Stattdessen blieb ich neben ihm liegen. Ich lag da, neben ihm, ein Mensch, der mir vor wenigen Minuten noch so nah war und der jetzt auf einem anderen Planeten existierte. Einem Planeten, auf dem ich nicht wohnen konnte. Wohnen durfte.

Ich weinte leise, wir redeten, ich spielte meine "Hymns of Utter Defeat"-Playliste ab, die ich für derlei Anlässe vorbereitet hatte. Glorreicher Untergang. Pure Verzweiflung in donnernden Dur-Akkorden. Gefühle haben etwas Unergründliches. Wir mögen Menschen aus unerfindlichen Gründen, wir verlassen sie aus unerfindlichen Gründen.

Irgendwann am Abend ging er - er hatte ein Treffen mit Freunden verabredet. "Wenn du zurückkommst, werde ich wahrscheinlich nicht mehr da sein", sagte ich, als er seinen Mantel anzog. "Das wird sehr traurig sein", sagte er und ich glaubte ihm, dass er das so meinte. Aber was wusste ich schon von der menschlichen Natur. You know nothing. Er ging, ich blieb alleine zurück. Ich weinte vor mich hin, allein.




Nach zwei Stunden Weinen war ich ausgetrocknet. Ich schlich mich in die Küche und holte mir ein Glas Wasser, als ich den Hund im Flur liegen sah. Teska, die Irish-Setter-Dame mit den Hüftproblemen. Sie blickte mich erwartungsvoll an. Der Schlüsselbund lag in der Schüssel auf der Kommode, wie immer. "OK, Teska, lass uns spazieren gehen!" sagte ich zu ihr, als ob sie verstände. 'Ein letztes Mal', fügte ich im Kopf hinzu. Ich steckte mein Handy und den Schlüsselbund ein, nahm die Hündin an die Leine und ging raus. Sie freute sich so auf das Spazieren, dass ich keine Zeit hatte, sie in den Aufzug zu bugsieren. Fröhlich sprang sie die Stufen hinab als wäre sie ein Welpe, ich folgte ihr mit hängenden Schultern.

Wie in jeder klassischen Break-Up-Story goss es an jenem Tag in Strömen. Seltsam, meine Beziehungen hatten die unangenehme Angewohnheit, im Herbst zu implodieren. Sie waren wie Schmetterlinge, die im Spätsommer starben. Teska schien der Regen nichts auszumachen. Sie lief einfach neben mir her, schnupperte hier und da und war brav und lieb. Die frische Luft tat mir gut, aber was nützt ein bisschen frische Luft bei Herzenselend? Nach einer Runde um den Block hatten wir beide genug und gingen zurück zur Exfreund-Wohnung. Ich würde meine Sachen zusammenpacken und endgültig verschwinden.

Ich zog den Schlüsselbund aus der Jackentasche und öffnete die Tür.

 - So wäre es idealerweise gegangen.

Ich probierte jeden Schlüssel um festzustellen, dass keiner von ihnen passte. Glücklicherweise war ich zu traurig, um Panik zu bekommen. Wie der Zufall es so wollte, kam es noch schlimmer. Das heißt im Klartext: Der Mitbewohner meines Exfreunds war ebenfalls nicht da und nicht erreichbar. Ich war allein auf dieser ersaufenden Welt, bis auf den nassen Hund natürlich, der von meinem Unglück nichts ahnte.

In solchen Situationen übernimmt mein Pragmatismus - Panik holen wir später nach. Ich klingelte bei allen Nachbarn, sodass ich wenigstens nicht mehr auf der Straße stand. So endeten wir im Treppenhaus vor der Wohnungstür meines Exfreundes. Ich und der nasse Hund. Wenigstens war es dort nicht nass, sondern nur zugig.

Aber halt, ich hatte noch nicht den absoluten Tiefpunkt erreicht, sagte sich das Universum. Ich versuchte, meinen Exfreund zu erreichen - die letzte Person, die ich in dieser Situation kontaktieren wollte. Glücklicherweise oder unglücklicherweise war sein Handy aus oder er ging nicht ran. Allein, allein. Wir sind allein. Ich und der nasse Hund.

In meiner Ratlosigkeit rief ich meine Schwester an, der ich alles sehr gefasst erzählte (remember, mein Pragmatismus). Sie war weit weg und konnte wenig tun außer zuhören.

Also rief ich eine meiner besten Freundinnen an, die in derselben Stadt lebte, erzählte ihr meine traurige Geschichte. Wir hatten uns erst am Abend zuvor getroffen und ich hatte ihr von meiner glücklichen Beziehung erzählt und wie gut er und ich uns verstanden. Sie konnte mir ebenfalls nicht helfen, weil ihre Schwiegereltern da waren und sie selbst einen Hund im Haus hatten. Hello darkness, my old friend.

Teska hatte sich inzwischen vor die Tür gelegt. Von ihr war kein Vorwurf zu hören. Sie verstand unsere prekäre Situation wahrscheinlich nicht, aber zumindest ging sie auch nicht weg. Hunde sind einfach - du gehst mit ihnen spazieren und schon haben sie dich lieb. Menschen sind da wesentlich  komplizierter. Du kannst ihnen noch so viel Verständnis und Liebe entgegenbringen und sie lehnen dich doch ab.

Inzwischen war mehr als eine Stunde vergangen. Mich fror erbärmlich, während ich auf der dreckigen Fußmatte vor der Wohnungstür saß. Nachbarn kamen vorbei, sahen mich kurz an und gingen weiter. War das schon unterlassene Hilfeleistung? Oder einfach die großstädtische Gleichgültigkeit? Ich stellte mich darauf ein, die Nacht vor der Tür zu verbringen. Es gab Schlimmeres. Schluss gemacht zu bekommen, zum Beispiel.

In einem letzten Versuch schrieb ich dem Mitbewohner meines Exfreunds eine Nachricht auf Whatsapp. Vielleicht war da Hoffnung, irgendwas.

Das Universum hatte Gnade mit mir. Anscheinend war meine Quote an Herzeleid für dieses Mal erreicht. Der Mitbewohner meldete sich, dass er in zehn Minuten zuhause wäre.

Nach 20 Minuten war er da und öffnete die Tür. Ich musste ihm erklären, dass sein Mitbewohner und ich Geschichte waren. Wir hatten nie viel gesprochen, mir war es peinlich, dass das unser einziger längerer Austausch sein würde. Er sagte, dass es ihm leid tue. "Mir auch", murmelte ich.

Ich trocknete Teska ab, so gut es ging. Es war fast 11, es regnete weiter in Strömen. Ich wollte nicht in der Dunkelheit im Regen nach Hause fahren, also beschloss ich, da zu bleiben. Der Ex würde ohnehin nicht nach Hause kommen, so meine Überlegung, also machte es keinen Unterschied, ob ich bei ihm oder bei mir zu Hause alleine war.

Ich putzte mir die Zähne, wusch mir das Gesicht, zog meinen Schlafanzug an und legte mich in das Bett, das mir fremd geworden war. In der Hälfte, die mal "meine" war.

Irgendwann um fünf kam er zurück. Ich konnte gar nicht anders, als davon wach zu werden. Er legte sich zu mir ins Bett. Warum macht er das? Es gab doch noch die Couch. Ich rührte mich nicht, er rührte sich nicht. Ich konnte den Alkohol riechen.

Wir schliefen nebeneinander. Ich machte mir Gedanken über meine gesamte Existenz, die zu diesem Punkt geführt hatte. Wenn das Leben eine Geschichte ist, war meine eine Sitcom, die schon zu lange geht, mit zu vielen Schreibern, die sich nicht einigen können, wohin das Ganze führen soll. Die Zuschauer fragen sich auch schon langsam, mit wem die Protagonistin enden wird. Egal, wie das Finale aussieht - sie würden enttäuscht sein.

Irgendwie komisch, fast lustig, da mit ihm zu liegen. Manchmal rückte er näher, drückte sich an meinen Rücken, griff nach meiner Hand. Ich ließ ihn. Ich konnte mich nicht wehren. Ich wollte nicht.

Man kann viel nachdenken, wenn man so neben jemandem liegt, der einem bis vor zwölf Stunden so viel bedeutet hat. In der Zwischenzeit hatte ich unsere gesamte Beziehung Revue passieren lassen. Das ging leicht, es waren ja nur zwei Monate. Zwei Monate Tanz auf dem Vulkan. Jetzt war der Boden Lava und ich sollte mich retten, ehe es mich in den Abgrund zog. Ich kam zu dem Schluss, dass es besser so war, wenn wir es hier und jetzt beendeten. Ich stand auf, schrieb alle meine Gedanken in einen Brief an ihn, eingeschlossen mit einer Handlungsanweisung für die Kosten des Thailand-Urlaubs, den ich mit wegen ihm gebucht hatte. Notiz an mich selbst: Eine gesunde Skepsis in Liebesdingen ist immer angebracht.

Ich war stark, ich war gefasst, ich hatte alles unter Kontrolle. Übers Weinen war ich hinaus, sagte ich mir. Stop crying your heart out. Wir redeten erneut, ohne anderes Ergebnis. Er las den Brief, drückte mich noch einmal an sich. Die Lage hatte ich korrekt erfasst und selbst jetzt konnte ich ihm noch einige ermutigende Worte auf den Weg geben. Worte, die ich selbst gut hätte gebrauchen können. Zumindest mein Texttalent verließ mich auch in Momenten höchster Not nicht, dachte ich bitter. "Wir könnten noch einmal mit dem Hund rausgehen", sagte einer von uns beiden. Ich trat aus dem Zimmer, Teska stand von ihrem Bettchen auf und sprang mir schon freudig entgegen. Jede Faser ihres Körpers drückte Freude aus.

"Sie freut sich total darüber, dass du mit ihr rausgehen willst", sagte er. Ich blickte ihn unverwandt an, um wieder den Hund anzustarren, der versuchte an mir hochzuspringen. Das war zu viel. Dieser dumme fröhliche Hund schaffte es, was ein neben mir schlafender Exfreund nicht schaffte. Mich zum Heulen zu bringen. Hunde sind einfach - sie sind dankbar, wenn man mit ihnen Gassi geht und ihnen Leckerlis gibt. Diese treudoofe Seele, die einen einfach mochte. Endlich einmal etwas, das länger als vier Jahre hält.

Ich trocknete meine Tränen, schnäuzte mich. Wir gingen spazieren, redeten noch mehr. Es war deutlich, dass wir uns zwar mochten, aber dass er das so nicht mehr weiterführen wollte. Life's a bitch and you know it. Es reicht nicht, wenn einer will.

Irgendwann am Abend verabschiedeten wir uns voneinander. Er half mir, meine Sachen runterzubringen und im Fahrradkorb zu deponieren. Er schenkte mir seine alten Wanderstöcke, wie als Zeichen dafür, dass ich meinen Weg jetzt alleine machen müsste. "Danke für alles und für den Brief", sagte er. "Danke, dass du es versucht hast", sagte ich. Wir umarmten uns. Ich hatte Tränen in den Augen, aber das machte nichts. Es hatte sowieso wieder angefangen zu schütten. Ich weiß nicht, ob ich nichts sah, weil ich so weinte oder weil es so regnete. Meine Brille war von innen und von außen beschlagen.

Von jetzt an war Blindflug angesagt.



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