Lesen im Bananenhain 2: Kim Thúy - Der Klang der Fremde.


Viele Bücher, die ich lese, suche ich nach dem Cover aus. Es gibt im Englischen die Redewendung "Don't judge a book by its cover", doch die Optik ist ein integraler Bestandteil jeder Sache und kann einem etwas über den Inhalt verraten. Wieso sollte man diese Informationen ignorieren, nur weil sie offensichtlich sind? Ist das nicht absurd? Kim Thúys Der Klang der Fremde|Affiliate Link hat mich deshalb sofort angesprochen. Es gibt nicht gerade viele Bücher in Deutschland, die zum Thema Vietnam veröffentlicht werden. Insofern bin ich jedes Mal froh, wenn ich eins in die Finger bekomme. Titel und Cover passen gut zueinander und haben mich nicht irregeführt.
Meine Mutter zitierte oft ein Sprichwort, das in der achten Klasse ihrer Schule in Saigon an der Tafel stand: đời là chiến trận, nếu buồn là thua - "Das Leben ist ein Kampf, in dem Trauer zur Niederlage führt".
Nguyen An Tinh wächst in Saigon in einer unruhigen Zeit auf: Sie wird geboren, als der Vietnam-Krieg noch in vollem Gange ist, ein Sieg des kommunistischen Nordens über den kapitalistischen Süden zeichnet sich ab. Ihre Familie gehört zum vermögenden Großbürgertum, in dem es Bedienstete, Gala-Dinners und gute Bildung gibt. Mit der Wiedervereinigung Vietnams unter kommunistischen Vorzeichen 1975 verändert sich das drastisch: In der Familie werden nordvietnamesische InspekteurInnen einquartiert, die noch nie mit dem westlichen Lebensstil in Berührung kamen, weil sie im Dschungel in einfachsten Verhältnissen lebten. So stellen die Schubladen mit den Büstenhaltern ihrer Großmutter und ihrer sechs Töchter einen der Inspektoren vor ein Rätsel:
Ich hörte ihn in einer Ecke der Treppe mit anderen Inspekteuren sprechen. Er konnte nicht verstehen, warum meine Familie so viele Kaffeefilter besaß und diese sortiert in mit Seidenpapier ausgelegten Schubladen aufbewahrte. Und warum waren sie doppelt? Weil man Kaffee immer mit einem Freund trinken sollte? 
Fragmentarisch berichtet die Ich-Erzählerin von ihren Erfahrungen, von ihrem Leben als Tochter einer großbürgerlichen Familie, ihrer Flucht, der Zeit im Flüchtlingslager, der ersten verwirrenden Zeit in Kanada. Wie sie sich langsam zurecht findet. Wie ihre Mutter aufwuchs, die sich auf ein Leben als Society-Dame vorbereitet hat und stattdessen in Kanada putzen und Frühlingsrollen ausfahren muss. Die einzelnen Kapitel sind teilweise nur eine halbe Seite lang. Sie stehen wie Erinnerungsfetzen nebeneinander, zeigen Splitter einer Vergangenheit und einer Gegenwart. Chaotisch und ungeordnet wie eben unser Gedächtnis arbeitet. Die so erzeugten Kontraste machen dieses Büchlein so spannend.

Ich habe das Buch wirklich sehr gerne gelesen. Natürlich kenne ich zahlreiche Geschichten über Krieg, Flucht und dem neuen Leben im Westen von meiner eigenen Familie. Doch selten habe ich ein Buch in Händen gehabt, das mit einer solchen Leichtigkeit und feinem Humor diese Geschehnisse reflektiert. Die meisten Geschichten, die ich zum Vietnamkrieg und seinen Folgen gelesen habe, sind naturgemäß voller Trauer, Sehnsucht, Angst und Schrecken. Manchmal fiel es mir schwer, mich selbst von diesen fürchterlichen Dingen, die meiner Familie passiert sind, zu distanzieren. Kim Thúy schafft es hingegen, ihre Erfahrungen weder banal noch pathetisch oder übersentimental zu erzählen - für mich sehr wohltuend.

Dass der Roman überhaupt in Deutschland veröffentlicht wurde, ist wohl dem Verdienst des Münchner Kunstmann Verlags zu verdanken - nach dem Namen der Verlegerin Antja Kunstmann benannt, gehört er zu den kleineren unabhängigen Verlagshäusern. Er ist vor allem bekannt durch die Bücher von Axel Hacke. Auf seiner Webseite schreibt der Verlag, die dort verlegten Bücher zeichneten Witz, Ironie, der spielerische, souveräne Umgang mit Sprache und der kritische Blick auf die Zumutungen der Welt aus. Der Klang der Fremde passt damit sehr gut in das Verlagsprogramm.

Kim Thúy: Der Klang der Fremde|Affiliate Link

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