Interne Kommunikation
In dieser Hinsicht müsste meine Familie als schlechtes Beispiel gelten: Direkte Meinungsäußerungen kommen selten bis gar nicht vor. Stattdessen wurde bei uns etwas perfektioniert, was man als raffinierte interne indirekte Kommunikation bezeichnen könnte. Im Prinzip ist es wie eine zuverlässigere Form der Flüsterpost. Wenn meine Mutter beispielsweise findet, dass ich viel zu selten in die Provinz zu Besuch komme, dann teilt sie mir das nicht direkt am Telefon mit - das wäre ja viel zu einfach - sondern erzählt stattdessen Schwesterherz, dass ich ja schon mal wieder nach Hause kommen könnte. Schwesterherz wiederum teilt mir das bei Facebook- oder Skype-Chat mit. Oder wenn wir ganz wild sind, am Telefon. Streiten klappt dann zwar nicht mehr so gut, aber das ist ja vielleicht gewünscht.
In jüngeren Jahren fand ich das oft schrecklich - ich wollte offene Kommunikation, offene Konfrontation - wie bei den Deutschen. Irgendwann musste ich einsehen, dass das nicht viel bringt. Das Problem bei direkter Kommunikation ist nämlich, dass hier immer die Stärkeren gewinnen. Das waren oft genug meine Eltern. Leute, die leiser und langsamer reden und handeln geraten allzu leicht ins Hintertreffen. Außerdem erfolgt direkte Kommunikation oftmals dann, wenn sowieso alle höchst emotional sind - Streit, Derailing und fiese Angriffe sind da schon vorprogrammiert. Und das Problem, worum es eigentlich ging? Ist immer noch da. Nur will jetzt niemand mehr mit irgendjemandem reden.
Inzwischen habe ich mit unserer etwas merkwürdigen internen Kommunikation meinen Frieden gemacht, denn irgendwann reifte in mir die Erkenntnis, dass offen(siv)e Diskurse kein Allheilmittel sind. So viele meiner deutschen Bekannten und Freunde diskutieren in der Familie offener und konfliktfreudiger. Und so viele dieser deutschen Bekannten und Freunde haben Familienmitglieder, mit denen sie absolut nicht können.
Ob Konfuzius' Lehren aus dem Verhalten meiner Familie sprechen? Seine Ansichten prägen teilweise bis heute die Kultur (Ost-)Asiens. Konfuzius betonte immer wieder die Bedeutung des Kollektivs und dass das Individuum seinen Platz in der Hierarchie der Gesellschaft/der Familie kennen muss, damit alle ein gutes Leben haben. Das bedeutet natürlich, dass sich AsiatInnen sich etwas mehr zusammenreißen und die Zähne zusammenbeißen, anstatt ihre Meinung hinauszuposaunen und sofort einen Streit vom Zaun zu brechen. Man versucht einfach, sich gegenseitig nicht auf die Füße zu treten, auch wenn das den eigenen Bewegungsradius einschränkt.
Ich bin mir nicht sicher, ob meine Familienverhältnisse repräsentativ für andere asiatische Familien sind (eine Frage, die ich mir oft stelle: Sind andere AsiatInnen/VietnamesInnen auch so oder hat meine Familie einfach etwas merkwürdige Gewohnheiten?). Und indirekte Kommunikation hat auch ihre Schwächen - sie ist beispielsweise langsam und stark von der Qualität des Boten abhängig. Doch egal ob in Unternehmen, in asiatischen oder deutschen Familien: Was "gute" Kommunikation ist, ist auch eine Frage des Stils und der Kultur.
Gut, dass wir darüber geredet haben.