Die Toten kommen. Aktivismus, Flüchtlinge und politisch motivierte Kunst

"The Crossing Over", Enamur Reza, licensed under CC 2.0


#dietotenkommen - das Hashtag ging diese Woche durch Twitter und die Medien besprachen die Aktion, mit auseinandergehenden Meinungen und Ansichten. Auf Facebook fragte mich Leserin Xuan, ob ich als PoC meine Ansicht zur Aktion "Die Toten kommen" teilen könnte.

Das "Zentrum für politische Schönheit" transportierte in einer politisch-künstlerischen Performance die Leichname einer Mutter und ihres jüngsten Kindes aus Syrien nach Berlin um sie dort zu bestatten. Die beiden waren auf der Flucht von Syrien nach Europa umgekommen. (Zusammenfassung hier) Meine Gefühle und Ansichten dazu sind - geteilt. Ich erkläre euch genau, woran das liegt.

Menschen als Mittel zum Zweck

Das Zentrum für politische Schönheit hat gute Absichten: Sie wollen die Aufmerksamkeit auf das Flüchtlingsdrama lenken. Die Menschen, die tagtäglich auf armseligste Art und Weise vor unserer Haustür sterben, sollen ein Gesicht und einen Namen bekommen. Wir sollen hinsehen, schockiert sein und unsere politischen VertreterInnen bewegen in Gottes Namen etwas zu tun.
Mit welchen Mitteln man politische Entscheidungen oder "Awareness" erzeugt, ist die Gretchenfrage. Bei "Die Toten kommen" hat man zwei Leichname exhumiert, von Italien nach Deutschland transportiert und bestattet. Ist das makaber oder pietätlos?

Fakt ist: Die Körper dieser Menschen wurden benutzt um eine Botschaft zu transportieren. Menschen sollen, so hat der Philosoph Kant mal gesagt, niemals Mittel zum Zweck sein. Sie sind ihr eigener Sinn und Zweck. Wenn wir die Leichname als Personen betrachten, dann könnte man sagen: Ja, diese Menschen wurden benutzt. Sie können sich nicht dagegen wehren und Einspruch einlegen. Andere Menschen müssen für sie sprechen. Das ist, gelinde gesagt, nicht ideal. Was aber, wenn der "Verwendungszweck" ein nobler ist? Wenn durch diese Aktion auch nur ein Mensch davor bewahrt wird, im Mittelmeer zu verrecken? Aus idealistischer Sicht wäre es weiterhin verboten - Menschen sollen kein Mittel zum Zweck sein.

Doch aus einer pragmatischen Sicht ist es in Ordnung, zumal die Mutter und ihr Kind so wenigstens eine Bestattungszeremonie erhalten haben, wie es sich für menschliche Gepflogenheiten gehört. Ich gehe zudem davon aus (oder hoffe zumindest), dass die überlebenden Familienmitglieder in Vertretung der Verstorbenen ihr Einverständnis gegeben haben. Ich neige zur pragmatischen Lösung, weil das Leben nicht ideal ist und perfekte Lösungen nicht existieren.

Aus kartesischer Sicht (ich denke, also bin ich - d.h. wenn ich nicht mehr denken kann, bin ich auch kein Mensch mehr) sind die Körper nur noch Material. Man könnte alles mit ihnen machen, unter anderem in Berlin bestatten. Das sahen wohl auch die Behörden so: Es war leicht, die toten Flüchtlinge nach Deutschland zu bringen. Nur lebendig ist schwierig.

Über (politisch motivierte) Kunst

Hier kommt meine Chance die Kenntnisse aus dem Kunst-Leistungskurs anzuwenden. Es gibt viele Definitionen, was Kunst leisten soll. Die meisten setzen Kunst mit Schönheit gleich - Kunst als Augenschmaus, als Dekoration über der Couch oder als Beruhigungspille für den Geist. Deshalb stößt moderne Kunst auf so viel Widerstand: Sie ist nicht schön, nicht dekorativ, sondern hässlich, grotesk, unverständlich. Manchmal hat sie eine Agenda. Ist es in Ordnung, wenn Kunst eine Agenda hat?

Es ist selten, dass Kunst keinerlei Ziel verfolgt außer ästhetisch zu sein. Kunst war immer schon belehrend (religiöse Bildnisse), erzählend (Historienmalerei, religiöse Bildnisse), erotisch (Salonmalerei), aufregend (Historienmalerei) und vieles mehr. Politische oder gesellschaftskritische/-stabilisierende Zwecke gab es bisweilen auch. Ob Kunst gut ist oder nicht, machen einige daran fest wie viele Interpretationen sie zulässt. Kunstwerke mit vielen Bedeutungsschichten ist besser als eindimensionale Kunst. Nordkoreanische Propagandagemälde ist demnach keine gute Kunst - sie lässt nur eine Lesart zu: Wie großartig der Führer und Nordkorea sind. Solche Kunst regt nicht zum Nachdenken an, sondern manipuliert uns, damit wir eine bestimmte Emotion fühlen. Ein Zeit Online-Artikel kritisiert an #dietotenkommen genau das: Es hämmere eine Interpretation in den/die BetrachterIn ein. Ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber ich mag es nicht emotional manipuliert zu werden. Egal zu welchem Zweck. 

Prioritäten setzen - Menschenleben über alles

Jetzt mal Butter bei die Fische: Ich selbst bin kein Flüchtling, ich musste nie fliehen (außer vor potenziellen Nazis, aber das ist was anderes). Meine Eltern jedoch sind selbst per Boot aus Vietnam geflohen. Sie waren verzweifelt über die Situation nach dem Vietnamkrieg: Die südvietnamesische Seite besiegt, sie als Anhänger des demokratischen (aber korrupten) Südens und als KatholikInnen jetzt massiv benachteiligt in einem sozialistischen Land festgesetzt, wollten weg. Sie hätten es nicht gemacht, wenn es nicht wirklich schlimm gewesen wäre. Niemand verlässt seine Heimat für immer, wenn er/sie nicht dazu gezwungen ist.

Ich versuche mir vorzustellen, was meine Eltern dazu gesagt hätten, wenn ein Künstlerkollektiv eine Aktion wie "Die Toten kommen" veranstaltet hätte. Was gewesen wäre, wenn sie auf der Hölle von Pulau Bidong, zwischen zehntausenden anderer Menschen, krank, hungrig, durstig, sonnenversengt verletzt und traumatisiert von so einer Aktion gehört hätten. Ich glaube, es hätte sie einen Scheißdreck gekümmert. Wenn man in einer so schrecklichen Situation ist, interessieren eine/n nur zwei Dinge: nicht sterben und ein Aufnahmeland finden. 

Letztendlich sind solche Aktionen eher an die potenziellen Aufnahmeländer gerichtet, nicht an die Flüchtlinge selbst. Sie sind diejenigen, über die gesprochen wird, weil wir ihnen nicht zuhören würden, wenn sie selber reden würden. Rassismus halt. Also muss jemand aus den eigenen Reihen mit dem richtigen Stallgeruch kommen, damit wir in Europa hinsehen. Ob das Bewegung in die ganze Sache bringt? Ich hoffe, aber ich zweifle auch.

EDIT: Wir haben noch nicht einmal über die Tatsache gesprochen, dass in der Aktion PoC-Körper von Weißen genutzt werden. Letzten Endes sollen PoC davon profitieren, aber die Aktion riecht auch nach aktivistisch-künstlerischer Masturbation. Hätte es nicht bessere Möglichkeiten gegeben, Aufmerksamkeit zu erregen ohne nach dem kolonialistischen Prinzip "Weiße nutzen Nicht-Weiße für egal was" vorzugehen? Das ist Denkfaulheit und Geschichtsvergessenheit bei den KünstlerInnen.

Fazit

Ich finde die Aktion positiv mit Vorbehalten. Menschen mit Kunst auf Flüchtlingsnöte aufmerksam zu machen, ist an sich etwas Gutes. War die Bestattungszeremonie künstlerisch gesehen der beste Weg? Oder überdeckt der Schockwert die eigentliche Aussage? Ich befürchte, dass die empfundene Pietätlosigkeit den eigentlichen Sinn verdrängt. Und was bringt "Awareness", wenn man selbst nicht die politische Macht hat, die entsprechenden Gesetze auf den Weg zu bringen? Ein/e PolitikerIn muss sich dafür einsetzen. Jemand wie Ernst Albrecht. Noch nie von Ernst Albrecht gehört? Der niedersächsische CDU-Politiker Ernst Albrecht wird von den vietnamesischen Boatpeople nach wie vor verehrt, weil er als erster westlicher Politiker Boatpeople aufgenommen hat. Wer wird heute die Rolle von Albrecht einnehmen? Je länger wir warten müssen, desto mehr Menschen werden auf dem Mittelmeer sterben, jeden Tag.


In eigener Sache: Meine Serie über meine Erfahrungen auf Tinder geht bald weiter. Hätte nicht gedacht, dass Gefühle und Beziehungen beschreiben so schwierig wäre. :D

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