Der Isländer-Effekt oder Das unrühmliche Ende meiner Dating-Aktivität

Der vorerst letzte Teil meiner Island-Reise. Der Trip hatte nicht nur einen immensen Erholungseffekt, sondern brachte mir eine wichtige Epiphanie. 



Es gibt von Robert Downey Jr. diese großartige Geschichte von seinem Erlebnis mit Burger King (ich müsste mal einen Essay schreiben über die transformative Kraft von Fastfood-Ketten).
Darin erzählt RDJ, wie er am Tiefpunkt seiner Karriere und seiner Drogensucht einen Burger King aufsuchte. Der Burger war so ekelhaft, dass er die Entscheidungen in seinem bisherigen Leben überdachte und da und auf der Stelle beschloss, seine Drogen ins Meer zu werfen und sich selbst zu sanieren. Der Rest der Geschichte ist bekannt, er wurde kurz darauf zum Iron Man und ist mit dafür verantwortlich, dass wir jedes Jahr Dutzende Superheldenfilme ertragen müssen sehen dürfen.

Was dem Downey Jr. seine Burger-King-Erweckung, das ist bei mir der Isländer-Effekt. Das trug sich folgendermaßen zu:

Wir waren irgendwo zwischen Reykjavik und Snaefellsnes in einem dieser unglaublich schicken, letztendlich aber völlig nichtssagenden Design-Hotels. Am Frühstückstisch unterhielt sich unsere Reisegruppe über Tinder. Die beiden Herren hatten neugierdehalber mal geguckt, was für Frauen auf der App unterwegs waren. Sie äußerten sich durchaus angetan.


Ich hatte die App schon seit Monaten nicht mehr auf dem Handy. Aber neugierig wurde ich schon: Wie das wohl mit den Hetero-Männern auf Island auf Tinder war? Neugierde tötete die Katze, sagt man, aber Katzen haben auch neun Leben. Ich hatte schon allerhand seltsame Dates erlebt, ein weiteres machte den Kohl auch nicht mehr fett. Also lud ich Tinder mithilfe des unendlich langsamen Hotel-WLANs herunter. Ich blätterte durch die Profile.

Viele Menschen betreiben das zum Spaß und aus Langeweile. Selbst wenn man gar nicht an Dating, Sex oder gar Beziehungen interessiert ist: Es befriedigt die menschliche Schaulust. Man kann sich mit anderen Menschen beschäftigen ohne all das Gedöns.

Eins kann man über die Männer auf Tinder auf Island sagen: Sie sind alle kräftig gebaut (mal mehr, mal weniger rund) und fast allesamt bärtig. Wir sprechen hier nicht vom gewöhnlichen mitteleuropäischen Vollbart. Eher das Modell Rauschebart bis runter zur Brust. Und das auf völlig unironische Weise. Die ganz hippen kombinieren das mit einem Man-Bun, der Großteil trägt das Haar aber kurz.

Vielleicht liegt es am Wikinger-Erbe, vielleicht ist es dem starken Wind auf der Insel geschuldet (ein Bart bietet doch Wärme, wenn es gar zu sehr windet), Fakt ist: zwei Drittel der Männer sind bärtig. Ich weiß, ich klinge fürchterlich oberflächlich und lookistisch, aber bärtige Männer sind prinzipiell nicht meins.

Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, so auch ich: Einer der Isländer sah mein Profil und gab mir ein Superlike. Natürlich war er bärtig, kam aber ansonsten auf seinen Bildern nett rüber. Ich sah großzügig über seinen Bart hinweg, der Text entschädigte dafür (Herzen von Texterinnen gewinnt man mit gutem Text, wer hätts gedacht). Er beschrieb sich als "shy", seine Superkraft mit "social awkwardness". Ich ließ Schwesterherz über das Profil schauen. Sie fand ihn OK. Was hatte ich zu verlieren, außer vielleicht meiner Würde? Ich likete zurück. Wir schrieben ein wenig hin und her. Er war nett und witzig.

Unsereins entscheidet ja oftmals nach dem "schau mer mal, dann seh mer scho"-Prinzip. Ganz ohne Kalkül, Taktik oder gar Strategie. Meistens landet man mit dieser Methode in einer Sackgasse, aber sei's drum: Die besten Geschichten erlebt man, wenn eben nichts nach Plan verläuft. Wir vereinbarten die Hallgrimskirkja als Treffpunkt, die Kirche, die über Reykjavik thront. Während ich auf mein Date wartete, begegnete ich einer Katze, die sich willig von mir streicheln ließ. Gott, ich liebe Katzen. Seelenverwandte Tiere.

Dann kam er schon um die Ecke gebogen: Mittelgroß, mittelschwer, sehr bärtig, der Bart war noch ein paar Zentimeter länger als auf dem Foto. Gemächlich ging er auf mich zu.

Kennt ihr das? Ihr seht jemanden zum ersten Mal und wisst bis in die tiefste Phase eures Körpers und eurer Existenz, ihr schwört beim Leben von Schwesterherz und allen Menschen, die euch jemals etwas bedeutet haben:

Das wird nix. Niemals.
 
Dennoch: Ich winkte und lächelte.

Er erwiderte es nicht.

Ich schob es auf die nordische Mentalität. Nordlichter, zumal skandinavische Männer, können extrem in sich gekehrt und unexpressiv sein.

Zumindest gab er mir eine Umarmung, wenn auch eine ungelenke. Wir gingen in ein nahe gelegenes Café, das er kannte. Bei Cola (er) und heißer Schokolade (ich) versuchten wir uns an einer Unterhaltung. Es blieb beim Versuch - selten hatte ich Smalltalk, der so zäh war. Die Worte blieben mir in den Zähnen hängen wie isländische Lakritze, schwer und klebrig und pechschwarz. Merke: Wenn ein Isländer sich als schüchtern bezeichnet, ist das Level 9000 der Schüchternheit. Ein schüchterner Amerikaner wird dich den ganzen Abend zutexten. Wir sprachen über Filme (er kennt Star Wars nicht so gut), Island (Tourismus ist an sich OK, aber ein bisschen viel ist es schon), Reisen (er war bisher nur in Kanada) und das Wetter (5-10 Grad ist für ihn perfektes Wetter).

Danach gingen wir durch Reykjavik spazieren. Aber nur kurz, denn die Innenstadt ist so groß wie die Fußgängerzone von Erlangen.

Wir verabschiedeten uns nach zwei Stunden, die mir vorkamen wie der endlose nordische Winter ohne Sonne. Ich schrieb meinen Mitreisenden eine SMS und ließ mich abholen.

Dieses Date war unspektakulär und auf eine alltägliche Art und Weise katastrophal.  Da versuchte ich krampfhaft, eine menschliche Verbindung zu anderen einzugehen, und endete auf einer fremden Insel vor einem fremden Mann, mit dem mich nichts, rein gar nichts verband. Wie blöd ich mir vorkam.

Ich begann, die Entscheidungen in meinem (Liebes-)Leben zu überdenken. Ich beschloss hier und auf der Stelle, es mit Tinder und anderen technischen Hilfsmitteln bleiben zu lassen. Romantizismus und die Große Liebe, waren an und für sich auch nur Ideen, Ideologien. Sie waren wahr, wenn ich an sie glaubte. Was, wenn ich damit aufhörte? Seit Jahren versuchte ich auf Teufel komm raus, eine romantische Beziehung zu finden, große Gefühle und all der Kram. Eben das ganz große Ding. Warum eigentlich? Es war einfach nur FOMO - the fear of missing out. Ich hatte Angst, etwas zu verpassen. Sie erzählten mir auch alle, wie gut und groß und schön das alles war. Etwas, das alle anderen super fanden, damit glücklich waren. Und ich vergaß dabei, wie beleidigend es mir gegenüber war, keine Zeit mit mir selbst verbringen zu wollen. Sondern mich vermeintlich vervollständigen zu wollen. Ich warf mein Smartphone ins Meer. Ich löschte die App.

Das ist das antiklimaktische Ende meines Datings. Vielleicht, wenn mir langweilig werden sollte, werde ich es wieder versuchen. Aber ganz ehrlich: Ich glaube nicht mehr daran. Ihr Leute da draußen, die ihr mit jemandem zusammen sein wollt und es sogar könnt: Ich gratuliere euch, von ganzem Herzen, und hoffe, dass ihr zufrieden seid. Be good, be better than me. Auch wenn es sarkastisch klingt.

Ich für meinen Teil ziehe mich auf das zurück, auf das ich mich verstehe: Single sein. (Und vielleicht die eine oder andere Casual-Geschichte, aber psst.)

Und ein Gutes hatte es: Ich habe mal wieder eine Katze gestreichelt!

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