Hört auf, Japan nach Rassismus zu fragen!

Gestern (30. März) kam der Film Ghost in the Shell heraus. Ich ging mit geringsten Erwartungen in den Film und selbst diese wurden noch unterboten. Ich saß im Film wie dereinst Shia La Boeuf. Eine vollständige Rezension von mir findet ihr in der Online-Ausgabe des Missy Magazine. Der Film ist nicht nur aus filmischer Sicht mies (empfehlenswert ist der absolut kunstvolle Verriss auf Zeit Online - ein lyrischer Traum von einem feuilletonistischen Rant), sondern er ist auch unglaublich rassistisch.


weiter
Der Film wurde schon letztes Jahr scharf kritisiert, als die Besetzung für die Hauptrolle bekannt wurde. Proteste von Asian Americans und AktivistInnen hat man ignoriert oder heruntergespielt. Schließlich habe man die japanischen Macher extra befragt und diese hätten sich für das Casting von Scarlett Johansson ausgesprochen.

Der Youtuber "That Japanese Man Yuta" hat bereits vor knapp einem Jahr Leute in Japan auf der Straße befragt, was sie von der Besetzung denken. Die meisten äußerten sich positiv und fanden es völlig in Ordnung, die Ähnlichkeit sei ja da und ScarJo ein großer Star.





Die JapanerInnen finden das OK. Dann ist das ja völlig in Ordnung. Japan hat seinen Segen gegeben, unser Film kann also nicht rassistisch sein.

Was. Für. Ein. Bullshit. Ich erkläre euch auch, warum.

Wir haben es mit einer Gesellschaft zu tun, die ethnisch extrem homogen ist. JapanerInnen stellen die überdeutliche Mehrheit in ihrem Land dar (offensichtlich). Auch wenn sie, wie wir alle, in einem globalen System von Rassismus eingebettet sind, die das Weißsein zum erstrebenswerten Modus operandi erhebt, erleben sie sich in ihrem Alltag anders: Sie haben die Privilegien in ihrem Land, sind der Default. Wenn also eine weiße Amerikanerin in einem einzigen Film eine Motoko Kusanagi spielt, ist das für sie ein weißer Tropfen in einem gelben Meer (man verzeihe mir den Ausdruck, ich darf das). Also werden die wortwörtlichen "Menschen auf der Straße" die Besetzung in Ghost in the Shell völlig anders bewerten.

Dennoch werden genau diese Aussagen dazu missbraucht, die Erfahrungen von Randgruppen wie Asian Americans oder Asiatisch-Deutschen zu minimieren und zu diskreditieren, nach dem Motto: "Wir haben doch gefragt, die haben gesagt, dass wir dürfen!" Jaaa, weil ihr Meinungsselektion betreibt. Ihr seid ein Paradebeispiel für Confirmation Bias: Ihr pickt euch nur die Meinungen heraus, die euer rassistisches Weltbild bestätigen. Diejenigen, die am stärksten von euren Kulturerzeugnissen betroffen sind, ignoriert ihr. Stattdessen stellt ihr sie/uns als empfindlich und überdramatisch dar oder bezichtigt uns der Lüge. In der Psychologie nennt man das "Gaslighting".

Kyoto im Winter. Mein Bild.


Hört auf, JapanerInnen nach Rassismus im Westen zu fragen! JapanerInnen juckt es nicht, ob ScarJo der Major ist oder nicht. Die leben als eine Mehrheit in ihrem Land. Die Asian Americans hingegen sind direkt von dem medialen Rassismus betroffen: Wieder eine Rolle, für die keine Asiatin infrage kam. Wieder ein Film, in der asiatische Existenz buchstäblich ausgelöscht wird. Wieder das Gefühl, dass man im Westen gerne die Kultur nimmt und die Ästhetik, aber nicht die Menschen. Es ist eine fortwährende Demütigung. Eine Serie, ein Blockbuster nach dem anderen.

Wollte man adäquate, vergleichbare Reaktionen in Japan bekommen, müsste man die Afro-JapanerInnen oder die weißen JapanerInnen fragen, wie sie ihre Nichtrepräsentation in ihrer Heimat finden: Japanische Medien sind voll von Blackfacing und Weißenfetisch. Immer wieder liest man von Menschen, die sich umbringen, weil sie die Diskriminierung und Nichtzugehörigkeit in dieser kollektivistischen Kultur nicht mehr ertragen.

Schwesterherz hat ihre gute Freundin in Indonesien gefragt, wie sie die ganze Sache findet. Sie fände es, so sagte sie, "schon ganz cool", wenn mehr AsiatInnen in Hollywood zu sehen wären. Allerdings wäre ihr das nicht so wichtig: Schließlich habe sie noch all die indonesischen Medienerzeugnisse, wo sie AsiatInnen sehen kann.

Und genau da liegt der Hund begraben: Für Leute wie Schwesterherz und mich und viele andere Randgruppen gibt es keine mediale Ausweichmöglichkeit. Wir sehen nur, wie Menschen, die aussehen wie wir, Chancen versagt werden, HeldInnen zu sein. Und wie Meinungen gegen uns verwendet werden.

Anstatt also um die halbe Welt zu fliegen, um gebauchpinselt zu werden und bloß nicht euer Selbstbild und eure Meinung ändern zu müssen, hört den Leuten direkt vor eurer Haustür zu. Die könnten euch sicherlich spannende Storys erzählen.

Share this:

,

CONVERSATION

2 Kommentar/e:

  1. Zufällig haben mein japanischer Verlobter und ich gerade die Werbung in der Bahn in Tokyo gesehen, und ich habe ihn auch gefragt, ob ihn das nicht stört, dass da lauter Weiße sind. Er meinte, im Anime wären die Figuren auch schon weiß gewesen - ich selbst kann mich dazu gar nicht äußern, da ich den Anime nicht kenne.
    Ich finde das Thema schwierig. Was du sagst, stimmt natürlich alles. Japan findet sich selbst extrem homogen, Ausländer werden oft misstrauisch beäugt, vor allem wenn sie nicht weiß sind. Andererseits lieben sie alles Fremde. Letztens erst hat mein Verlobter sich über eine Werbung schiefgelacht, die Japanern Anzüge verkaufen will, die perfekt auf japanische Körper zugeschnitten sind - das Model dabei weiß. Man weiß schon gar nicht mehr, was man zu solchen Sachen sagen soll, und - das klingt jetzt furchtbar überheblich - viele Japaner hinterfragen so was genau so wenig wie wir Deutschen unseren Rassismus, oder vielleicht sogar noch etwas weniger, da Japan ja so "homogen" ist und kritisches Denken in den Schulen auch nicht gerade gefördert wird.

    Trotzdem weiß ich nicht, wie ich zu Ghost in the Shell stehe. Wenn die Japaner, die hinter dem Ursprungswerk stecken, dafür unbedingt weiße Charaktere wollten, dürfen wir ihnen dafür Vorwürfe machen? Klar ist es verdammt gemein, dass schon wieder keine Asiat_innen repräsentiert werden - aber irgendwie finde ich es auch nicht ganz richtig, den Japanern zu sagen, wie sie ihre Medien gestalten sollen, falls die mal im Ausland landen. Du merkst, ich kann nicht so richtig ausdrücken, was ich eigentlich meine.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das Problem ist der Kontext. Würde der Film in Japan gemacht werden, für ein weitgehend japanisches Publikum, fände ich das alles nicht so problematisch. Die können da machen, was sie wollen.

      Nun handelt es sich um einen Hollywood-Film - der Film wird gemacht in einem Land, wo es eine nicht kleine Minderheit von asiatischen Menschen gibt. Der Westen ist nun mal sehr viel "bunter" als der Rest der Welt. Dort ist die mangelnde Repräsentation ein richtiges Problem. SchauspielerInnen of Colour werden weniger gebucht. Ihnen wird die Existenzgrundlage entzogen, während ScarJo die nächste Million kassiert. Gerecht ist das nicht.

      Man muss sagen, dass viele JapanerInnen auf dem rechten Auge nicht nur blind sind, sondern es ihnen fehlt. Die Verbrechen des japanischen Kolonialismus in Südostasien und China wurden nie aufgearbeitet, die Untaten im Zweiten Weltkrieg ebenfalls nicht. Von daher sind dort viele Menschen sehr unkritisch eingestellt. Meine Eltern und Großeltern haben noch Schauergeschichten über die Grausamkeiten der japanischen Besatzungsmächte von ihren Eltern und Großeltern gehört.

      Dass die JapanerInnen deiner Beobachtung nach alles Fremde lieben, aber keine Einwanderung wollen, sind die zwei Seiten einer Medaille: Xenophobie und Fetischisierung bzw. Exotisierung hängen eng miteinander zusammen. Je größer das gesellschaftliche Tabu oder der "Fremdheitsfaktor", desto eher bricht es in überraschenden Formen heraus.

      Es ist kompliziert, aber meine Meinung steht weiterhin.

      Löschen