Wenn ich in meiner Twitter-Timeline ein bestimmtes Hashtag von mehr als einem halben Dutzend Leuten angezeigt bekomme, weiß ich: Es ist wieder ein Shitstorm aufgezogen. Und manchmal sehe ich sogar zwei Shitstorms gleichzeitig - einmal diesseits und einmal jenseits des Atlantiks. Aber von vorn.
TV Total im chinesischen Fernsehen?
Noch habe ich die Hoffnung auf gutes deutsches Fernsehen nicht aufgegeben, weshalb ich immer Vorrezensionen zu Fernsehsendungen lese. Das NEO Magazin klang gut, also sah ich mir
die Sendung vom 27. März an. Der SZ-Rezensent hatte auf jeden Fall Recht: Die Sendung war abseits des Üblichen. Dennoch hinterließ sie bei mir einen schalen Beigeschmack wegen einem Beitrag. Falls ihr die Sendung nicht gesehen habt, hier die Kurzzusammenfassung.
In der Rubrik "NEO Magazin Fernseh-Nothilfe" hilft das Magazin langweilig gewordenen TV-Sendungen mit Content.
Opfer Kandidat dieses Mal: TV Total. Die Redaktion des NEO Magazin hat dazu der ProSieben-Sendung ein Band zugespielt, das angeblich eine nicht-autorisierte chinesische Kopie der TV-Total-Serie "Blamieren oder Kassieren?" zeigt, eine Art Gameshow, wo KandidatInnen Geld gewinnen können. Die angeblich chinesische Sendung ist betont auf lächerlich/lustig gemacht: Der Moderator trägt einen knallroten Anzug, zwei Personen in Tierkostümen tanzen durchs Bild.
TV Total nimmt das zum Anlass, die chinesische Sendung als "Blamielen odel Kassielen" nachzustellen. Ich hätte wegen diesem beleidigenden Klischee am liebsten den Fernseher
aus dem Fenster gewuchtet ausgemacht. Aber ich wollte sehen, wohin dieses ganze Theater führt. Schließlich löste Böhmermann die Scharade auf: Alles war fake, der chinesische Moderator spricht nicht einmal chinesisch. Es war supereinfach, TV Total reinzulegen, haha.
Am nächsten Tag erhob sich auf Twitter ein Shitstorm gegen Jan Böhmermann, das NEO Magazin und zdf.neo: Rassismusvorwürfe wurden laut, die vom Sender und Moderator weitgehend ignoriert, kleingeredet oder teilweise lächerlich gemacht wurden. Auch ich fand es einfach blöd, wobei die Sendung selbst nur teilweise mein Unbehagen erklären kann. Aber dazu komme ich noch.
Colbert Report und der Tweet
In den USA herrscht derzeit unter anderem eine Diskussion über den Namen des Footballclubs "Washington Redskins", der rassistisch und für amerikanische Ureinwohner beleidigend ist. Als Wiedergutmachung hat der Verein angekündigt, eine Stiftung zu gründen. Der Name:
Washington Redskins Original Americans Foundation. Ja nee, is klar.
Der Colbert Report, eine eher linksgerichtete Sendung, und Ihr Moderator Stephen Colbert kritisierten diesen Schritt mit einer Satire, die später auch getwittert wurde:
I am willing to show #Asian community I care by introducing the
Ching-Chong Ding-Dong Foundation for Sensitivity to Orientals or
Whatever - Quelle
Suey Park, eine Asian-American Twitter-Aktivistin und Autorin, nahm diesen Witz zum Anlass, das Hashtag #cancelColbert zu starten, um sich gegen Alltagsrassismus zu wehren. Schon in der Vergangenheit hatte sie mit #notyourasiansidekick zu einer Diskussion über Rassismus gegen AsiatInnen beigetragen. Grund genug für die Huffington Post mit ihr per Google Hangout über den Vorfall zu sprechen. Der Interviewer jedoch war wenig respektvoll - er nannte Parks Meinung "
dumm", was entscheidend zur Eskalation beitrug.
Sie brach das Interview ab und machte ihrem Ärger auf Twitter Luft. #CancelColbert gab das noch mehr Auftrieb. Was folgte, waren Androhungen von Mord und Vergewaltigung gegen Park, noch mehr Rassismus und ein veritabler Shitstorm.
Ein lesenswerter Artikel zeigt einen möglichen Grund, warum die Reaktionen gegen Park so heftig waren: Die Medien seien laut werdende, mächtige Asiatinnen nicht gewohnt.
Gleichzeitig gab es Stimmen auch innerhalb der asiatischen Community, die die Aufregung um Colbert und den Tweet nicht verstanden: Das sei klar erkennbar Satire, Colberts Persona in der Sendung ist der "dumme Republikaner", er entlarve Rassismus, und Suey Park und ihre FollowerInnen verstünden keine Satire. Die etablierten Medien sekundierten (s. erste Zwischenüberschrift
hier).
Alltagsrassismus tief verwurzelt
Nach einigen Nächten darüber schlafen sah ich bei der Causa Böhmermann und #cancelColbert Parallelen: Beide Formate verordnen sich als progressiv. So ist der Colbert Report bekannt dafür, Bigotterie zu entlarven. Jan Böhmermanns Sendung gilt als Speerspitze guten Fernsehens in der Nische. Außerdem bezeichnete er in seiner Sendung den
Blackface-Auftritt eines österreichischen Moderators gegen Kim Kardashian auf dem Wiener Opernball als "rassistische Beleidigung", was in deutschsprachigen Medien Seltenheitswert hat.
Beide wollen die Schwächen ihrer ausgewählten GegnerInnen bloßstellen: Colbert will zeigen, dass der Verein rassistisch ist, Böhmermann
will die Konkurrenz vom Privatfernsehen als in die Jahre gekommen und unfähig diskreditieren. Dass TV Total obendrein rassistische Klischees von der angeblichen r-/l-Schwäche von ChinesInnen wiedergibt, bleibt jedoch unerwähnt und wird auf der NEO magazin-Webseite munter weitergetragen.
Ebenso gemeinsam haben sie, dass sie AsiatInnen als Mittel zum Zweck gebrauchen. AsiatInnen werden mit Vorliebe zur Pointe gemacht und tauchen auch nur zu diesem Zweck auf. Dass der asiatische Kollege beim NEO Magazin (hatte der überhaupt einen Namen?) auch super wäre als Sidekick, ähnlich wie Manuel Andrack bei Harald Schmid, fällt niemandem ein.
Das Problem sind nicht das NEO Magazin oder der Colbert Report an sich - das Problem ist der blinde Fleck, den progressives Fernsehen nach wie vor beim Thema "hausgemachter Alltagsrassismus" hat, weil er so tief verwurzelt ist, dass er als solcher nicht erkannt wird. Stattdessen wird sich herausgeredet und der Fehler bei der angeblichen Humorlosigkeit der Gegenseite gesucht.
Hier erklärt sich mein Unbehagen: Wenn schon die angeblich fortschrittlichen Menschen und Massenmedien unter rassistischem Denken leiden, möchte ich mir lieber nicht ausmalen, was die Konservativeren oder die Stammtische über MigrantInnen oder auch Homosexuelle denken. Unbehagen ist der falsche Ausdruck - es macht mir Angst.