Heidi und ich.

Wer da nicht Gitti und Erika jodeln hört...


Hin und wieder bekomme ich interessante Anfragen aus dem Elfenbeinturm - Studierende der Gesellschafts- und/oder Medienwissenschaften kommen gerne auf mich zu, um meine Meinung zu hören und diese in Abschlussarbeiten zu, nun ja, verarbeiten. Allen, auf die ich nie geantwortet habe: Es tut mir leid, dass ich es nicht geschafft habe - manchmal kommt etwas dazwischen, sodass ich keine Zeit finde.

Ich also als Studienobjekt für qualitative Auswertung zu Migration und Fremdheit. Kein Problem, wenn ich schon eine Spokesperson für Asiatisch-Deutsche bin. Nun wurde ich Ende letzten Jahres interviewt zu meiner Medienbiographie. Kurz gesagt, meint man damit die Medien, die mich in meinem Leben geprägt haben. Ich empfinde mich wirklich noch nicht als sehr alt, aber ich habe immer viel Medien konsumiert. Es hatte beinahe etwas Zwanghaftes. Mit meinem Medienkonsum könnte man Bücher füllen.

Aus einem simplen Interview wurde eine tiefgehende Analyse meiner seelischen Befindlichkeit. Stellt sich heraus, dass die Medien, die wir konsumieren, viel über uns aussagen. Case in Point: Heidi. Ich mochte Heidi immer, besonders in der schwarzhaarigen, japanischen TV-Version. Das ging sogar so weit, dass ich sie eine Zeitlang in meinem Tinder-Profil als Bild hatte. Warum Heidi? fragte mich die Interviewerin. Bis dahin hatte ich mir nie so viel Gedanken darüber gemacht. Ich versuchte meine Beziehung zu der Figur zu erläutern. Ihr und mir.

Wer ist Heidi?

Für alle, die ohne Fernseher aufgewachsen sind, eine kleine Zusammenfassung.
Heidi ist ein Waisenkind, das zunächst bei seiner Tante Edith aufwächst. Als die nach Frankfurt geht für die Arbeit, wird Heidi zu ihrem Großvater abgeschoben, der einsam auf einer Berghütte lebt und nur wenig mit den Menschen unten im Dorf zu tun hat. Er soll in seiner Jugend jemanden umgebracht haben, raunt man sich im Dorf zu. Aber Genaues weiß man nicht. Jedenfalls ist der Alm-Öhi unheimlich und sehr verschlossen. Heidi schafft es mit ihrem unbekümmerten und freundlichen Wesen den alten Mann aufzutauen und ihn menschlicher zu machen. Bis Tante Edith zurückkehrt und Heidi gegen ihren und Alm-Öhis Willen nach Frankfurt mitnimmt, wo sie im Haus einer reichen Familie der im Rollstuhl sitzenden Klara Gesellschaft leisten soll. Heidi kommt mit den Gepflogenheiten des reichen Bürgerhauses nicht zurecht, sie sehnt sich nach der simplen Bergwelt und beginnt vor lauter Heimweh schlafzuwandeln. Heute würden wir es vermutlich Depressionen nennen. Der Hausarzt der Frankfurter Familie drängt schließlich darauf, Heidi wieder zurück in die Berge zu bringen.

Ähnlichkeiten

Oberflächlich verbindet mich mit Heidi nicht viel. Außer der erwähnten schwarzen Haare, aber auch nur in der Anime-Version. Überall sonst ist Heidi natürlich blond. Nichtsdestotrotz war es ein Anknüpfungspunkt. Aber es geht hier nicht um ähnliche biographische Eckdaten oder Äußerlichkeiten, sondern um Gefühle und Empfindungen. Und für mich als kleines Kind gab es davon eine Menge. Als Kind will man vor allem spielen und Spaß haben und Dinge entdecken. Lernen ja, aber nicht um Ziele zu erreichen. Still sitzen und brav sein ist auch anstrengend. Der Trott von Institutionen wie Schule oder Kindergarten ist nicht attraktiv. Ohne wie eine Waldorferzieherin klingen zu wollen: Freiheit ist den meisten Kindern ziemlich wichtig. Da war ich als Kind auch nicht anders: den ganzen Tag mit Zicklein spielen, auf Wiesen herumrennen und Blumen pflücken - wo kann ich unterschreiben? Ganz ehrlich: Wenn ich heute damit durchkäme, würde ich nichts - nichts! - tun. Ich wäre stinkend faul.

Traumatische Ereignisse

Die deutschsprachige Version kommt durch die Musik und den Soundtrack leicht und lustig daher. Sieht man sich die japanische Originalversion an, ist der Ton wesentlich melancholischer, verhaltener. Der Aspekt von Heidis Heimatlosigkeit und Entwurzelung, besonders in der Frankfurt-Episode, wirkt durch die Musik nicht einfach nur traurig, sondern regelrecht traumatisch. Heidi in Frankfurt war mir als Kind immer besonders nah. Einerseits haben Kinder das Problem, sich den Erwachsenen mitzuteilen und ernstgenommen zu werden (ich hoffe, dass das heute besser ist). Zusätzlich muss Heidi mit ihr fremden Sitten und Gewohnheiten in einer gänzlich anderen Umgebung umgehen. Wie ein Fisch ohne Wasser ist sie ganz außerhalb ihres Elements. Sie wird in eine ihr fremde Umgebung verpflanzt, stößt auf Unverständnis und ist ein Fremdkörper. Sie passt einfach nicht rein, fühlt sich falsch. Klingt bekannt? Aber hallo. Als Kind konnte ich dieses Gefühl vielleicht nicht artikulieren, gespürt habe ich es dennoch.

Heidi war eine der wenigen Figuren, die mir als kleinem asiatisch-deutschen Mädchen eine Identifikationsfläche boten. Ein kleines Mädchen mit eigenem Kopf, freiheitsliebend, bisweilen unverstanden, aber lebenslustig und trotz ihrer Lebensumstände unglaublich widerstandsfähig.

Ob mir Heidi heute noch etwas zu sagen hat? Vielleicht einfach nur, dass man nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Und dass man einen Ort oder Menschen braucht, bei denen man sich zuhause fühlt.
Und dass Jodeln glücklich macht. Glaubt ihr nicht? Dann machen wir hier mal eine "Try not to smile"-Challenge:



In diesem Sinne.