Look for the helpers. Ein persönlicher Nachruf auf Rupert Neudeck.

Kennt ihr Mr. Rogers? Mr. Rogers war eine Ikone des amerikanischen Kinderfernsehens, der versuchte, allen Kindern Selbstwertgefühl und Wertschätzung zu vermitteln. Es ist von ihm ein berühmter Satz überliefert, der in englischsprachigen Internetkreisen und motivierenden Memes immer wieder die Runde macht:

"When I was a boy and I would see scary things in the news, my mother would say to me, "Look for the helpers. You will always find people who are helping." - Fred Rogers
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Warum ich das schreibe? Diese Woche verstarb Rupert Neudeck mit 77 Jahren. Die meisten Medien nennen ihn einen Menschenrechtsaktivisten, Pazifisten, was auch immer. Für viele vietnamesische Boatpeople ist er ein Held.

Als der Vietnamkrieg vorbei war und der Sozialismus in Vietnam eingeführt wurde, beschlossen viele Menschen "rüberzumachen". Das ist nicht so einfach, wenn das Land von anderen sozialistischen/kommunistischen Ländern umgeben ist und man gerade von dieser Ideologie fliehen möchte. Rupert Neudeck sah die Not der Boatpeople und reagierte: 1979 gründete er "Ein Schiff für Vietnam", aus dem später die Aktion Cap Anamur wurde. Die Cap Anamur, so der Name des Schiffs, fuhr im südchinesischen Meer umher und rettete über 10.000 vietnamesische Boatpeople - vor dem Ertrinken, dem Verdursten, vor den Piraten, die Frauen vergewaltigten, die Flüchtlinge ausraubten und ermordeten.

Cap Anamur. Den Namen der Seerettungsaktion hörte ich in meinem Familienhaus - geraunt, mit hörbarer Ehrfurcht in der Stimme. Aber auch mit viel Dankbarkeit. Dabei wurden meine Eltern gar nicht von der Cap Anamur gerettet - sie schafften es mit viel Glück in die Flüchtlingslager. Ich muss neun oder zehn gewesen sein, als meine Eltern ein Sachbuch über die Cap Anamur heimbrachten. Mein Vater legte es mir hin, worauf ich ihn fragte, was denn "Cap Anamur" sei. Er erklärte mir, was es damit auf sich hatte. An das Gefühl des Erstaunens erinnere ich mich noch heute. Da gab es also Menschen, die sich aufmachten, mit einem Schiff die Menschen zu retten, die verzweifelt Hilfe suchten. Menschen wie meine Eltern und meine Großeltern. Ich war erschüttert. Positiv.

Cap Anamur und Rupert Neudeck sind für mich Symbol für Mitgefühl und Tatkraft. Für Menschlichkeit. So wie Mr. Rogers gesagt hat: Die Situation mag noch so grausam sein, die Menschen so bösartig - es wird gleichzeitig immer diejenigen geben, die helfen. Weil sie es für richtig halten. Sie stehen hier, sie können nicht anders. Das gibt mir Hoffnung.

Im reichen Westen herrscht das Gefühl der Individualität vor: Der Gedanke, dass man sich am eigenen Schopf aus dem Morast ziehen kann. Dass Erfolg wie auch Scheitern aus dem eigenen Tun resultieren. Egal, was man mache, im Guten wie im Schlechten komme es nur auf einen selber an. Diese Einstellung ist kurzsichtig und vermessen. Als Kind von Flüchtlingen weiß ich: Unser (Über-)Leben hängt häufig von anderen ab. Von ihrem Wohlwollen. Dass sie den Menschen in uns sehen. Dass sie an uns glauben, kurz: dass sie uns helfen. Rupert Neudeck war ein Mensch, der guten Willens war. Ich bin mir sicher, er ist kein Einzelfall. HelferInnen gibt es überall.

Und sch**ß auf euch, die denken, Menschen seien "bastard covered bastards with bastard filling". Ich bleibe naiv und glaube daran, dass da draußen eine Menge hilfsbereiter Menschen herumlaufen. Weil ich sie selbst in meinem Leben gesehen und erlebt habe.

Auf der Arbeit höre ich häufig den schrecklich denglischen Satz: "Bist du bereit, die Extra-Meile zu gehen?" Rupert Neudeck ist nach diesem Maßstab zum Mond und zurück gegangen.

Danke, Rupert. Wir sehen uns auf der anderen Seite. (Dann quasi zum ersten Mal, weil ich dich leider nie getroffen habe.)

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