Der Default und das Nicht-Normale. Ein Essay.


Muss. Nachdenken. Ich muss. Klar ist: Ich gehöre einer Minderheit an. Ich sehe nicht wie der Durchschnitt aus. Ich habe andere Wurzeln. Meine Eltern stammen aus Vietnam. Stamme ich aus...? Woher stamme ich? Unklar. Ein Sonderfall.

Wie sehen mich andere? Vieles davon kann ich unmöglich wissen. Was kann ich aus dem Verhalten anderer ableiten? Wenn ich empfinde, dass andere mich als "weniger" beurteilen - selbst wenn das nur eine Projektion meiner Minderwertigkeitsgefühle wäre - irgendwoher müssten sie doch stammen? Wer hat sie mir eingepflanzt?

It's the system, studid!

Es geht tatsächlich: Einerseits unsichtbar zu sein und auf dem Präsentierteller. Das, was man von Menschen meiner Farbe zu sehen bekommt, sind Klischees, Karikaturen, Abziehbilder. Niemand macht sich in diesem System die Mühe, uns realistisch, einfach als Menschen, darzustellen. Wovon asiatisch sein nur eine Facette unter vielen ist.

Stattdessen existieren wir nur als Projektionen dessen, was andere sich als uns vorstellen. Wir existieren als Trugbilder, als Fantasien. Wie ist das so? Nicht toll. Und im Alltag? Sehen die Leute mich oder nur eine Idee von "Asiatin"? Objekt? Leerstelle? Wir bleiben unsichtbar.

Gleichzeitig liegen wir auf dem Präsentierteller, weil wir mit einem Blick als "anders" identifiziert werden können. Nicht alle starren mich deshalb an. Aber diejenigen, die es tun - erzählt mir nicht, sie wären nicht da. Gilt eure Wahrnehmung mehr als meine?

Vor allem euer hingesagtes: "Für mich gibt es keine Kategorien mehr!" Schön für euch. Das ist leicht zu sagen, wenn man den Prototypen eines Menschen darstellt. Ich habe die Kategorien nicht gemacht, in die ich geschoben werde. Ich will weg von ihnen. Aber jede Form von Mikroangriff, persönlich oder durch Medien, schiebt mich in diese Kategorie. Sie heißt "Nicht-Normal."

Wisst ihr, wie tolerant diese Welt gegenüber Kategorie "Nicht-Normal" ist? Eben. Wir gelten als seltsam. Fremd. Unwichtig. Weil wir wenige sind. Wobei, das stimmt gar nicht. Wir sind viele, aber unsere Ansichten, Sorgen und Nöte spielen in der großen Erzählung der Welt keine Rolle.


Wer hat Angst vorm Weißen Mann?

Es ist das System. Weder ihr noch wir haben es gemacht. Wir wurden hineingeboren. Wie beim Patriarchat. Beim Patriarchat haben nicht die Männer gesagt: "Kommt, lasst uns 50% der Menschheit systematisch unterdrücken!" Das war keine konzertierte Aktion, sondern ist historisch gewachsen. Weil größere Körperkraft irgendwann mit größerer geistiger Kraft gleichgesetzt wurde. Gefährliche Metaphern.

Das Kleinmachen anderer Hautfarben ist auch historisch gewachsen. Viele Völker der Erde haben erobert, kolonialisiert, versklavt und unterworfen. Aber: Niemand hat es so gründlich getan wie der weiße Mann in den letzten 500 Jahren. Irgendwann wurde es normal, dass schwarze, braune und gelbe Menschen für weiße arbeiteten, dass sie keine eigene Stimme haben. Dass sie sich gefälligst an die Sitten, Gepflogenheiten der Weißen anzupassen haben.

Durchlässig ist die Trennwand zwischen bunten und weißen Menschen oft nur dann, wenn weiße davon profitieren können. Ein weißer Schauspieler kann auch in Asien und Afrika als Sexsymbol gelten. Eine westliche Band kann auch in Kuala Lumpur oder Johannesburg ein Stadion füllen. Sie kann Einflüsse verschiedenster Herkunft in ihrem Werk verbraten, während die Kultur der UrheberInnen leer ausgeht.

Meine Gruppe hui, deine Gruppe pfui

Evolutionsgeschichtlich und anthropologisch gesehen betrachtete sich der Mensch nicht als losgelöstes Individuum, sondern als Teil einer Gruppe: meine Familie, meine Sippe, mein Stamm. Später: Meine Nation, meine Rasse. Dabei galt immer: Meine Gruppe hui, deine Gruppe pfui. Ich sage nicht, dass wir oder die meisten Menschen noch in Stämmen denken. Aber viel von dem, was "zivilisierte Menschen" tun, fußt noch auf diesen Vorstellungen.

"Du bist das Fremde - weil ich das Normale bin."
"Du bist das Seltsame - weil ich das Gewöhnliche bin."
"Du bist das Böse - weil ich das Gute bin."
"Du bist das Marginale - weil ich die Macht habe."

Die weiße Dominanz ist über Jahrhunderte gewachsen - sie geht nicht davon weg, dass jemand sagt: "Ich bin darüber hinweg." Selbst wenn dem so wäre: Bewusstseinsfortschritte einzelner Individuen ändern noch lange nicht den Status Quo des Systems. Vor allem dann nicht, wenn man nach wie vor davon profitiert. Stattdessen macht es euch einfach - blind.

Diskriminierungen heute sind sehr subtil. Wir tragen keine Judensterne (man sieht eh, dass ich "anders" bin). Wir werden nicht vergast. Wir dürfen im Bus sitzen, wo wir wollen. Aber müssen wir zu den üblichen Alltagsproblemen zusätzlich die unzähligen Nadelstiche ertragen, die ihr nicht einmal sehen könnt? Oder wollt? Was gibt euch das Recht mir zu sagen: Vielleicht solltest du deine Einstellung ändern, dann tut das nicht mehr weh?

Wenn mir der Kaufhausdetektiv hinterherläuft um zu sehen, ob ich klaue. Wenn Kinder mir Gehässigkeiten hinterherrufen. Wenn beim Smalltalk meine Herkunft zuerst thematisiert wird. Wenn meine Brüder als hässlich bezeichnet werden. Sie nicht in Clubs reingelassen werden. Wenn ihr das Holi-Fest nehmt, es seiner spirituellen Dimension beraubt und als Spaßfestival inklusive Eintritt an euch reißt. Solange, bis es seltsam wirkt, wenn InderInnen das Holi-Fest feiern. 

Vielleicht passiert mir persönlich nicht allzu viel Rassismus. Doch darum geht es nicht. Es geht um das Gesamtbild, in dem ein Teil der Menschheit aus heute arbiträren Gründen den Vorzug erhält, auf dem Rücken des anderen Teils. Kleiderfabriken in Bangladesh, Konflikte im Südsudan. Das alles sind Ausgeburten desselben weißen Kolonialismus, der unsere Realität formt.

 

Kind des Kolonialismus

Ich selbst bin ein Kind dieses Kolonialismus. Ohne die Kolonialisierung Indochinas durch Frankreich im 19. Jahrhundert wäre meine Familie nie katholisch gewesen. Ohne die Kolonialisierung hätte es nie die kommunistische Freiheitsbewegung unter Ho Chi Minh gegeben. Ohne diese Bewegung, die gegen diese Religion war, wären meine Eltern und Großeltern nie nach Südvietnam gegangen. Ohne die von weißen Mächten beschlossene Teilung hätte es niemals den Krieg gegeben, der meine Eltern letztendlich vertrieben hat. Weil sie auf der falschen Seite standen: Kapitalistisch, westlich orientiert, katholisch.

Was auch immer von den Vietcong zu halten ist: Ich verstehe, warum sie das taten, was sie taten. Ich kann auch verstehen, warum einer meiner Großväter für die Franzosen gearbeitet hat. Die Verhältnisse waren damals einfach so. Der Kolonialismus hat dafür gesorgt, dass Menschen eines Volkes sich gegenseitig abgeschlachtet haben. Alles mit freundlicher Unterstützung weißer Männer.

Trotzdem.

Natürlich können wir alle befreundet sein, uns als Menschen begegnen. Unsere Unterschiede auch mal ignorieren. Aber bitte leugnet nicht, dass diese Kategorien von "default" und "Sonderfall" in dieser Gesellschaft existieren, und dass es sich gut lebt, wenn man in die "default"-Kategorie passt.

Rassismus, Klassenunterschiede, Sexismus haben unsere Beziehungen beschädigt, noch ehe wir überhaupt geboren wurden. Nicht ich, die ich darauf hinweise. Wir sehen oftmals nur das, was wir sehen wollen. Wenn ich euch zeige, was ich sehe: Können wir uns darauf einigen, dass ihr nicht sofort sagt, es sei nicht wahr?

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4 Kommentar/e:

  1. Ja. Ich höre dich! Danke!

    Wie auch für die "growing up in Germany"- Artikel. Danke dafür!

    Renée
    PS: Übrigens hast du gerade eine neue Leserin gewonnen, die jetzt zumindest die letzten zwei Jahre deines Blogs gelesen hat und sehr vieles davon sehr interessant, einleuchtend, bereichernd oder schön zu lesen fand. :-)

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    1. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar ^^ Freut mich, wenn mein Blog Anklang findet :)

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  2. Sehr gut geschrieben. Ich habe den Blog unter den Lesezeichen gespeichert und werde mal hin und wieder hier vorbeischauen...

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