2012/12/09

Die Banalität von Rassismus. Der Weihnachtsfeier erster Teil.

Rassismus ist (gottseidank) selten in Form von Mord und Totschlag anzutreffen, wiewohl er auch in diesem Land in dieser Form leider immer noch vorkommt. Nein, Rassismus ist manchmal eine sehr banale Sache: Er passiert einfach, oftmals einfach so, weil jemand nicht nachgedacht hat. Er bedroht keine Menschenleben, aber er offenbart eine äußerst limitierte Weltsicht und/oder mangelnde Empathie. So geschieht Rassismus oftmals unbemerkt von der Öffentlichkeit und würde nie entdeckt werden, wenn sich nicht doch einmal jemand beschweren würde.


Letzte Woche war unsere Betriebsweihnachtsfeier - sie war betont lässig gehalten und . Wir trafen uns zunächst zur Einstimmung am Weihnachtsmarkt am Sendlinger Tor zum Glühwein und wurden in verschiedene Spielgruppen eingeteilt. Der Plan war dann, mittels einer Art Rebusrätsel den Namen der Location herauszufinden, an dem das Ganze steigen sollte. Das ging so:
  • altes Auto ohne zweites Wort
  • Raubtier ohne Kapital
  • zweiter Name des kleinen Bären
  • "der" auf chinesisch
Interessant ist hier vor allem Punkt Nr. 4: Nachdem wir uns das Hirn zermartert hatten, was denn Nr. 4 sein sollte, kriegten wir einen Tipp, der da lautete: "Welchen Buchstaben können Chinesen nicht aussprechen?"

Ich facepalme ob dieses offensichtlichen, saublöden Klischees. Es ist zwar wahr, dass es im Mandarin keinen Laut gibt, der dem deutschen "r" entspricht, im Kantonesischen sieht es aber wieder anders aus. Aber gut, der Glühwein half mir, darüber hinwegzusehen.

Die nächste Aufgabe war, verschiedene Fotos von der Gruppe mit PassantInnen und/oder Gegenständen zu schießen. Eines der Bilder sollte neben Hund, Regenschirm und älterer Dame auch "einen Asiaten" enthalten.

Als ich das auf dem Zettel las, seufzte ich schon innerlich. Klar, meine Gruppe hatte den Vorteil dank meiner Wenigkeit auf ihrer Seite, gleichzeitig fürchtete ich mich davor, in welcher Art und Weise andere Gruppen mit dieser Aufgabe umgehen würden. Ich versuchte mich selbst zu beruhigen. Konnte ja so schlimm nicht werden.

Unsere Gruppe machte also die Fotos, fand die Location und gönnte sich erst einmal Oliven, Weißbrot und Sekt. Irgendwann hatten alle Gruppen ihre Aufgaben gelöst und das Lokal gefunden ("Rostiger Pudel", anyone?). Auf einem Fernseher wurden die Fotos gezeigt. Ich lachte über einige gelungene Bilder und Ideen. Bis auf ein Bild, bei dem es mir fast die Schuhe auszog und mir das Lachen aus dem Gesicht fiel.

Was war passiert? Jemand aus einer Gruppe posierte als Asiate, indem er

...

Schlitzaugen zog.

...

Manchmal reichen zwei Hände zum Facepalmen nicht.

Ich kann mich nicht erinnern, wann meine Herkunft das letzte Mal so lächerlich gemacht wurde. Vermutlich irgendwann in der Schulzeit in der fränkischen Provinz. Diese Fratze auf dem Foto hinterließ in mir nichts anderes als ein Gefühl der Beklemmung und der Wut. Ein paar meiner KollegInnen, die mit mir am Tisch saßen, lachten zunächst, verstummten aber, als sie meine eingefrorene Miene sahen. "Ich finde das verdammt beleidigend und rassistisch," konnte ich mühsam hervorpressen, zu tief saß bei mir der Schock.

Die Bilderschau war bald beendet, doch der Flatscreen war auf Diashow eingestellt. Wollte ich das stillschweigend dulden oder sollte ich etwas unternehmen, den ganzen Abend auf die Fratze des Rassismus starren? Nein! Mein Stolz und meine Würde nicht nur als Asiatin, sondern als Mensch schienen plötzlich auf dem Spiel zu stehen. Also ging ich zum Chef, sprach ihn auf das Bild an und erklärte ihm, dass ich es einfach nur extrem beleidigend fand. Er reagierte sofort und machte die Diashow aus. Nun loderte nur noch ein Kaminfeuer auf dem Bildschirm.

Der Kollege meinte es sicherlich nicht böse. Die wenigsten AlltagsrassistInnen meinen es böse. Doch Alltagsrassismus ist fies, weil er banal ist: Er kommt nicht in Springerstiefeln und mit Hakenkreuzaufnähern daher und lässt zugleich jegliche Selbsterkenntnis missen. Ein echter Nazi weiß von sich wenigstens, dass er Rassist ist.


Der Abend war für mich verdorben...


Fortsetzung folgt.


Kommentare:

  1. Liebe naekubi,

    was soll man dazu sagen? Außer fremdschämen ist da nicht viel, denn zu argumentieren gibt es nichts. Aber mir fallen auf Anhieb x Aphorismen ein, die ich Deinem Kollegen gerne an den Kopf knallen und Dir zum Trost (ist "Trost" angebracht?) rezitieren würde. Ach, ich mach einfach mal... ;o)

    "In vielen Menschen ist ihr bißschen Verstand eine kümmerliche Leuchte, die nichts als ihre eigene Kläglichkeit bescheint."

    (Friedrich Hebbel)

    "Die gefährlichsten Waffen sind die Menschen kleinen Kalibers."

    (anonym)

    "Solange du dem anderen sein Anderssein nicht verzeihen kannst, bist du noch weitab vom Wege zur Weisheit."

    (chinesisches Sprichwort)

    "Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge."

    (chinesisches Sprichwort)

    "Der Weise schätzt die Menschen nach ihrer Menschlichkeit ein, der Unwissende nach ihren Taten und der Dumme nach ihren Geschenken."

    ((Liu Bu We)(Einfach Geschenk mit Herkunft tauschen und schon passt´s))

    "Es gibt kaum eine größere Enttäuschung, als wenn du mit einer recht großen Freude im Herzen zu gleichgültigen Menschen kommst."

    (Christian Morgenstern)

    "Der Prüfstein für eine Zivilisation ist, wie viel "Andersartigkeit" bereitwillig ertragen und aufgenommen wird; denn eines kennzeichnet alle primitiven Gesellschaften - sie verabscheuen Mannigfaltigkeit."

    (Sydney J. Harris)

    Und als letztes, bevor ich nervig werde:

    "Übrigens ist Denkvermögen keine schlechte Kapitalanlage".

    (unbekannt)

    Während ich hier die ganze Zeit tippe, stellt sich mein Verstand die Frage, wann ich eigentlich das letzte Mal rassistisch war - und das auch selbst an mir bemerkt habe?

    Ehrlich gesagt ist es noch gar nicht so lange her. Hin und wieder ertappe ich mich dabei, wie ich dummen Vorurteilen folge und rassistisch bin, obwohl ich es eigentlich gar nicht sein will. Aber ich versuche dann, mich zu korrigieren und das Vorurteil, einem alten Mantel gleich, abzulegen. Deshalb gebe ich noch einen letzten Aphorismus zum besten, sozusagen als Korrektiv für mich selbst.

    "Es ist etwas Merkwürdiges: Wir Menschen erkennen die Fehler bei anderen, ihre Dummheit, ihre Borniertheit, ihre Feigheit, ihre Enge, ihre Sentimentalität, ihre Traumata, ihre verklemmten Affekte, ihre Minderwertigkeitskomplexe.

    Wie schwer gelingt es uns, uns zu sagen: So, wie ich es bei anderen erkenne, muss es vermutlich auch bei mir sein.

    (Karl Rahner)

    Ich finde, Du hast vollkommen richtig reagiert und Deine Grenzen aufgezeigt. Für diesen Mut hast Du meine volle Hochachtung.

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    1. Danke für die lieben Worte! Das baut mich auf :) Vor Vorurteilen bin ich selbst auch nicht gefeit, aber dazu in einem anderen Blogbeitrag bald mehr...

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  2. Manche Leute... Aber wenigstens hat dein Chef richtig reagiert - ich hatte schon befürchtet, der "Höhepunkt" der Geschichte wäre, dass man dir gesagt hätte, du sollst dich "nicht so anstellen". DAVON kommt mir nämlich immer am allermeisten die Galle hoch.

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    1. Das wäre noch die Krönung und absolute Ironie des Schicksals gewesen, weil mein Chef auch noch Chef unserer Firma im Raum APAC (Asian-PAcific Countries) ist...

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  3. Man meint ja, dass erwachsene Menschen mit dieser bescheuerten Geste aufhören, wenn sie die Grundschule verlassen. Schade! Aber wie du schon erwähnt hast, denken die meisten sich nichts dabei und halten sich für ÄUSSERST witzig. Genau so witzig wie sich manche Spezialisten halten, die ihre formidablen Fremdsprachkenntnisse (welche meist nur aus den Wörtern "Ni hao!" oder "Konnichiwa" bestehen) unbedingt bei wildfremden Asiaten an den Mann bringen müssen. :/

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    1. Manche sind irgendwann nicht mehr reifer, sondern einfach nur noch älter geworden. Und diese doofen Anmachen mit Ni hao und Konnichiwa gehen mir auch dermaßen auf den Keks.

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  4. Keine schoene Erfahrung, die du machen musstest. Mir geht es oft aehnlich, die banalsten Dinge treffen einen manchmal am haertesten. Vermutlich, weil sie unvorbereitet kommen und man sie dort am allerwenigsten erwarten wuerde. Manchmal sind es auch nur winzige Feinheiten in der Wortwahl, die einem ein komisch Gefuehl geben. Manchmal (so geht es mir jedenfalls) ist es auch nur subjektiv wahrnehmbar, ein anderer ebeso Anwesender wuerde ich nicht betroffen fuehlen. Das macht es zumindest fuer mich schwer damit angemessen umzugehen.

    Ob sich die Menschen bei solchen Aktionen nichts dabei denken oder es nicht besser wissen, und ob man das dann als Entschuldigung akzeptiert, muss denke ich jeder fuer sich beantworten. Deine Reaktion finde ich jedenfalls bewundernswert. Ich muss sagen, dass ich vermutlich nicht den Mut aufgebracht haette. Vielleicht bin ich in der Beziehung auch schon zu abgestumpft. Oft frage ich mich innerlich, ob es denn etwas aendern wuerde, oder ich nicht sogar ueberreagiere. Meist gelange ich dann zur der Einsicht, dass eine Konfrontation in dem Augenblick wenig bwirkt und ich es lieber sein lasse.

    Es gibt Situationen ich denen ich regelmaessig kapituliere und nicht weiss, wie ich angemessen reagieren soll. Hoert sich vielleicht etwas bloed an, aber wenn Rassismus von Kindern ausgeht, weiss ich absolut nicht, wie ich angemessen reagieren soll.

    (Auch wenn es etwas komisch klingen mag) ich freue mich schon auf den zweiten Teil.

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    1. Die Konfrontation meiner Umwelt mit dem, was falsch läuft, bringt mir mehr Seelenfrieden, als wenn ich alles runterschlucken würde. Ich habe es einfach satt, mich stillschweigend mit so etwas abzufinden. Auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen - wenn man nur lieb und nett und pflegeleicht ist, erreicht man einfach mal null.

      *rant ende*

      Am zweiten Teil bin ich schon dran :)

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  5. Was war das überhaupt für ne dämliche Aufgabe? Wer zählt denn laut Aufgabe als "Asiate"? Vom Pass her bist du doch genau so Deutsche wie die Anderen, oder?

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    1. Ja die Aufgabe finde ich auch sehr merkwuerdig. Sind "Asiaten" zur Weihnachtsmarktzeit eine solche Attraktion oder wie kommt man auf so etwas.

      Warum muss man bei "Asiate" eigentlich sofort an Suedost- bzw. Ostasiate denken. Bei der Auswahl an haette man genauso gut auch jemanden nehmen koennen, der irgendwie "tuerkisch" aussieht (falls es ein solches Kriterium gibt).

      Am besten faende ich aber die Idee ein Foto von sich selber einzureichen mit dem Hinweis, dass Eurasien geographisch gesehen ja eigentlich ein Kontinent ist.

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    2. @Julia: Ja, wie gesagt: saublöd. Die Aufgabenstellung ließ das alles sehr offen. Man hätte auch einen "InderIn" nehmen können. Oder jemand aus dem Nahen Osten, ist schließlich geographisch gesehen schon Asien.

      @concrete roots: Das wäre die kreativste Lösung :)

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